13/11/17

Das Bild an sich wird dauernd neu entdeckt

Die Scharpf-Galerie des Wilhelm-Hack-Museums Ludwigshafen widmet der iranischen Malerin Toulu Hassani eine sehenswerte Einzelschau

von Christel Heybrock
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Toulu Hassani, Ohne Titel, 2016, Leihgabe der Bundesrepublik Deutschland
Mindestens zwei Künstler könnte hier jemand vermuten, so verschieden sind die Werkkomplexe der Schau „Iteration“ in der Rudolf-Scharpf-Galerie. Es ist aber nur eine einzige Künstlerin in der Projektgalerie des Wilhelm-Hack-Museums: die in Hannover lebende Iranerin Toulu Hassani, geboren 1984 und nach Studium in Valencia und Braunschweig Meisterschülerin von Walter Dahn 2012. Seither hat die Künstlerin eine Menge Anerkennung gefunden: Sie war ein Jahr lang artist in residence in Worpswede, bekam mit dem Preis des Kunstvereins Hannover 2013 ein Stipendium in der Villa Minimo, 2014 ein New-York-Stipendium des Landes Niedersachsen und 2016 den Sprengel-Preis der Niedersächsischen Sparkassenstiftung.

Vielleicht muss jemand nicht nur in zwei Regionen, sondern gleich in zwei Kulturen zuhause sein, um sich grundsätzliche Fragen zu stellen. Einen speziell orientalischen Hintergrund kann man bei Toulu Hassani nicht erkennen, aber einen Blick aus anderer Perspektive auf die Kunst des Westens durchaus. Ihre Arbeiten scheinen zu zerfallen in mehrere Werkgruppen – da sind einmal Bilder aus unglaublich kleinteiligen, treppenartigen Motiven, die sich in dichten Zeilen diagonal über die Fläche ziehen, in der Mitte zusammenlaufen und wieder auseinander driften. Und da sind zum anderen Bildkörper aus monochrom eingefärbtem Epoxidharz, völlig glatte, unstrukturierte Oberflächen, die eine wachsartige Halbtransparenz suggerieren und den Blick im selben Maß in die Tiefe locken, wie sie ihn blockieren. Als Betrachter kann man die Epoxid-Arbeiten als Erholung nutzen nach der anstrengenden Rezeption der Treppenmusterbilder, die einem nur so vor den Augen flirren: Mit Lupe kommt man ihrem bewundernswerten malerischen Können auf die Spur und entdeckt in den winzigen farbigen Stufen noch separat schattierte, wenige Quadratmillimeter große Flächen. Die Kunst altpersischer Miniaturen kann man vergessen angesichts dieser manischen Malerei – wie hat Toulu Hassani die Arbeit nur selber ausgehalten? Die mitfühlende Frage stellt man sich auch deshalb, weil bei aller stupenden Virtuosität der Malprozess nicht verschleiert wird, an den Bildrändern sind oft noch die engen Zeilen der Vorzeichnung zu erkennen. Aber statt selbstzufrieden auf solche Ergebnisse zu blicken, nimmt Toulu Hassani ihre eigenen malerischen Wunder stellenweise nur noch als Versatzstücke, reißt bemalte Flächen auseinander, ordnet sie wie Fetzen auf weißem Grund an oder legt sie gar partiell übereinander, so als handle es sich um zerrissene Papierabfälle … doch, ja, auch den Effekt eines zerknüllten Zustands kriegt sie noch hin.

Und dann die Epoxid-Werke. Angesiedelt zwischen Farbkörper und Farbfläche, ein seltsam zwiespältiger Eindruck von ein bisschen Räumlichkeit und einer vielleicht doch gemeinten Fläche. Haben wir nicht alle in den letzten Jahrzehnten gelernt, wie die Malerei aus Farbschichten zum stolzen Körper wird, wie aus purer Farbe Reliefs werden oder wie durch Schnitte, Mulden und Beulen Bilder in den Raum wirken? Und nun: Reduktion pur. Einfach nur glattes Kunststoff-Blau, Kunststoff-Gelb. Ist da nicht irgendeine Tiefe, ein Geheimnis, in das man eindringen kann? Mitunter denkt man an Meditation und wird doch auf Distanz gehalten, nein, hier ist nichts sonst gemeint. Und dann doch: Eine in die Tiefe eingedrückte Teilfläche. Ein weißes Mäander-Relief. Mit Aluminiumpulver bestreute, samtig-körnige Oberflächen. Zwei übereinander gelegte Teile, die Mittelkante unregelmäßig gebrochen. Und schließlich aus emotionslosem Grau eine berührende, weich modulierte Helligkeit – eine Lichtquelle? Und übrigens: aus tiefstem Schwarz dramatisch leuchtendes Weiß auf 84 Inkjetdrucken, die sich als Installation auf dem Treppenpfeiler über zwei Stockwerke ziehen, ebenso poetisch wie rätselhaft, hermetisch und schön. Mit ihrer Konzeption greift Toulu Hassani weit aus und zieht Extreme bildlicher Erscheinungsweisen heran. Eigentlich stellt sie die Frage, was ein Bild ist, das Bild an sich gewissermaßen. Jedes ihrer Werke ist eine Antwort darauf.

 

Toulu Hassani: Iteration.
Rudolf-Scharpf-Galerie des Wilhelm-Hack-Museums
Hemshofstr. 54, Ludwigshafen.
Öffnungszeiten: Donnerstag und Freitag 15.00 bis 18.00 Uhr, Samstag und Sonntag 13.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 10. Dezember 2017.


 

 

 




Wilhelm-Hack-Museum