09/11/17

Schillernde Geschlechtlichkeit

Eine Gruppenschau im Photoforum Pasquart in Biel reflektiert Beziehungen, Gender und Identität in der Fotografie

von Julia Hochstenbach
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Zackary Drucker & Rhys Ernst, Relationship, #44 (Flawless Through the Mirror), 2008-13, Courtesy Luis De Jesus
Die Gender-Diskussion treibt die Öffentlichkeit um. Menschen mit homoerotischer Neigung, mit uneindeutigem oder für sie unpassendem Geschlecht erheben ihre Stimme, kämpfen um Anerkennung und persönliche Freiheit. Ihre Biografien sind geprägt von Ängsten und intensiver Identitätssuche, mit ihrem Lautwerden setzen sie sich Scham, Stigmatisierung oder gar dem Tod aus. Das Thema ist ein Kind unserer Zeit. Vernetzung und Globalisierung machen wie nie zuvor die immense Vielfalt von Perspektiven und Seinsmöglichkeiten sichtbar, geschlechtliche Rollenmuster und, mehr noch, Identität offenbaren sich als etwas zu Suchendes, zu Erschaffendes. Was Transsexuelle erleben, durchlaufen heute prinzipiell alle Menschen in unterschiedlichsten Formen: das krisenhafte Bewusstsein des Nichtwissens um sich selbst, die Suche im Gewirr gesellschaftlicher Muster nach einem wahreren, echteren Ich – und dessen öffentliche Verteidigung.

Das Photoforum Pasquart in Biel widmet dem Thema nun in Kooperation mit dem Chicagoer Museum of Contemporary Photography die sehr schöne Ausstellung „Disruptive Perspectives“ und fängt mit den Arbeiten von sieben Künstlern verschiedenste Blickwinkel ein. Da werden bei Alexandre Haefeli die traditionellen männlich-weiblichen Körpercharakteristika befragt. Er inszeniert den jungen männlichen Körper in zarten, morbiden, gehauchten Tönen, gesellt ihm fleischige Blüten bei, bringt ihn in weiblich-sinnliche, verletzliche Posen, eine männliche Femme fragile, ein weiblicher Lord Byron. Mit aberwitzigen Tableaux vivants wirft der indonesische Künstler Leonard Suryajaya Fragen nach Geschlechtlichkeit, Zugehörigkeit, Gleichheit und Anderssein, Echtheit und Draperie, Willen und äußerem Zwang auf. Inmitten grellbunter Tücher und Alltagsrequisiten inszeniert er überkünstliche Gruppenarrangements mit Herrschern und familiärem Beiwerk, Beobachtern und Beobachteten; Früchte stecken wie Geschlechter zwischen den Lippen, Münder sind mittels mechanischer Stütze emotionslos aufgerissen, ein Föhn richtet sich wie eine Pistole auf, ein Familienmitglied verendet zwischen Pflanzen. Sehr nahe am Journalistischen und doch sehr fein sind die alltäglich wirkenden Porträts älterer transsexueller Menschen in Jess T. Dugans Serie „To survive on this shore“. Das Auge der Kamera dringt tief unter die Oberfläche, fördert eine Geschichte der Schmerzen, Ängste, Unsicherheiten zutage, die sich deutlich und doch sehr zart in die Gesichter eingegraben haben; und es erfasst das faszinierende Schillern zwischen Männlichem und Weiblichem, das man in Nuancen in jedem Gesicht zu entdecken vermag. Von frappierender Schönheit sind die schlichten, dabei sehr ausdrucksvollen und klug austarierten Bilder der iranischstämmigen Schweizerin Laurence Rasti in der Fotoserie „Il n’ya pas d’homo­sexuels en Iran“, ein Ausspruch des damaligen iranischen Präsidenten Ahmadinejad im Jahr 2007. Für iranische Homosexuelle bedeutet er: Flucht, Geheimhaltung oder Tod. Die homosexuellen Paare auf den Bildern leben ihre Sexualität, verbergen aber ihre Gesichter. So sieht man schützende Umarmungen, halbverdeckte Küsse, händchenhaltende Männer im Anzug, die Köpfe hinter Tüchern, Luftballons oder üppigen Rosen. Es sind berührende, ehrliche Zeugnisse ohne Anklage oder Larmoyanz, die im Bildnerischen jeden Anflug von Alltäglichkeit oder Kitsch in eine eigenartig-widerspenstige künstlerische Sphäre überführen.

Das Doppelspiel von Kunst und Realität, das viele Künstler heute bewusst aufsuchen, und das hier in der Sache liegt, gelingt in den ausgestellten Arbeiten glänzend. In Umschiffung jedes Banal-Sentimentalen münzen sie wahre Geschichten in einen losgelösten, phantastisch-künstlerischen Ausdruck um, ohne sie dabei ihrer Realität und Dringlichkeit zu berauben. Und so erweist sich zugleich, wie sehr die Identitätssuche ein genuiner Aspekt der Kunst ist, die die Gabe hat, immer wieder Ausdrucksformen, neue Perspektiven, neue Erzählweisen zu erfinden.      

 

Disruptive Perspectives.
Photoforum Pasquart
Seevorstadt 71–73, Biel.

Öffnungszeiten: Mittwoch, Freitag 12.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 12.00 bis 20.00 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 19. November 2017.

Zur Ausstellung ist eine Publikation erschienen: Photoforum Pasquart Biel / MoCP Chicago 2017, 64 S., 35 Franken.

 

 

 




Photoforum Pasquart