15/12/11

Aus dem Musterkatalog des Zeitgeists

Crossover von Malerei, Mode und Design: Kerstin Brätsch und Adele Röder in der Kunsthalle Zürich.

von Dietrich Roeschmann
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Crossover von Malerei, Mode und Design: Kerstin Brätsch und Adele Röder in der Kunsthalle Zürich.Kerstin Brätsch

850 Prozent Umsatzsteigerung in zwei Jahren: das schaffen nur die wenigsten Unternehmen – es sei denn, sie werden von Marketingprofis geführt und treffen mit bahnbrechenden Geschäftsideen den Nerv der Zeit. So wie die Firma der Künstlerinnen Kerstin Brätsch und Adele Röder. Vor vier Jahren trafen sich die beiden Ex-Berlinerinnen in New York, entdeckten dort ihre gemeinsame Lust am Crossover von Malerei, Mode und Design und gründeten kurzerhand „Das INSTITUT“, spezialisiert auf den Im- und Export von Gestaltungsideen – und auf Werbekampagnen für ihre eigene Arbeit, die mal als klassische Austellung, mal als Demo oder Hochglanzmagazin daherkommen. Selbstbewusst bedient sich das Duo dabei im Musterkatalog zeitgeistiger Produktoberflächen, kopiert Massenwaren als Exklusiv-Editionen in edelsten Materialien und frönt ansonsten einer grellen, abstrakten Malerei auf Transparentfolie, die so lässig daherkommt, dass es fast schon an Koketterie grenzt. Der Flirt mit den angewandten Künsten gehört für die beiden zum Programm. So ließen sie sich zuletzt vom Schweizer Verleger und Sammler Michael Ringier einladen, den Geschäftsbericht seines Unternehmens zu gestalten. Brätsch und Röder enterten dafür das Layout des vietnamesischen Frauenmagazins „Thoi Trang Tre“, das zur Ringier-Gruppe gehört, und streuten die Bilanzen des Verlags zwischen Kosmetiktipps und Modestrecken. Am Ende veröffentlichten sie auch ihre eigenen Zahlen: Beliefen sich die Umsätze mit ihrer Kunst 2008 noch auf 25.000 US-Dollar, waren es 2010 bereits 213.000 Dollar.

Die Karriere von Kerstin Brätsch und Adele Röder ist eine der bemerkenswertsten Erfolgsgeschichten der letzten Jahre. Ihre Frage, ob und wie Kunst heute identifizierbar sei in einer Welt, die sich als lückenlose Ansammlung von Konsumgütern präsentiert, treibt offenbar nicht nur die Künstlerinnen um, sondern auch zahllose KuratorInnen und KritikerInnen: die Bibliografie zum Werk des jungen INSTITUTS umfasst schon jetzt beinahe 100 Einträge, ihre Ausstellungsliste reicht von Auftritten im Basler New Jerseyy bis zum New Museum in New York und der Venedig-Biennale, an die sie in diesem Jahr von Bice Curiger eingeladen wurden.

Nun sind Brätsch und Röder erneut in der Kunsthalle Zürich zu Gast. Vor zwei Jahren hatten sie dort bereits an der Ausstellung „No Solo Show“ teilgenommen, die nach einem Konzept des japanischen Performance-Künstlers Ei Arakawa eine Art freien „work in progress“ zwischen acht Künstlerinnen und Künstlern erprobte. Diesmal tritt das Duo jedoch nicht unter dem Label „Das INSTITUT“ auf, sondern erstmals in einer Doppelschau unter jeweils eigenen Namen, was natürlich die Frage aufwirft, ob das gut gehen kann angesichts der Vehemenz, mit der sich Brätsch und Röder bislang gegen jede Individualisierung ihrer Arbeit stemmten und konsequent auf Kooperation und die Vergesellschaftung künstlerischer Prozesse setzten.

Ihre Ausstellung in der Noch-Exil-Location der Zürcher Kunsthalle im Museum Bärengasse lässt da zumindest vage Zweifel aufkommen. Zu sehr dominiert die Schau der gewohnte Label-Look des INSTITUTs, auch wenn nun die Autorinnenschaft der einzelnen Arbeiten kenntlich gemacht ist. So hängen Brätschs Folienbilder hier gleich blockweise in den Fluren und Treppenhäusern übereinander. Nicht selten drücken sie sich in unübersichtliche Ecken, wo Geländer den Blick kreuzen oder die Gänge so eng sind, dass man Sorgen haben muss, die Folien könnten durch elektrostatische Aufladung im Vorbeigehen nach einem schnappen. Dort, im Halbdunkel, scheinen sie einem frei nach Richard Hamilton zuzuwispern: „Just what is it that makes us so different, so appealing?“, aber es fällt schwer, eine befriedigende Antwort darauf zu finden. Das provokante Understatement dieser Hängung korrespondiert auffallend mit der ornamentalen, fast formalhaften Malerei Brätschs, die auf merkwürdig paradoxe Weise so wirkt als sei sie zugleich das Produkt endloser Langeweile und gnadenloser Akkordarbeit. Je näher man hinschaut, desto mehr verflüchtigt sich der Glamour, der diese Folien in ihren Reproduktionen in Katalogen oder Zeitschriften umgibt. Auch das ein Paradox: Selten sieht Malerei im Druck besser aus als im Original.

Adele Röders Arbeiten stehen diesem lapidaren Auftritt von Brätsch in nichts nach. Neben raumgreifenden Neoninstallationen – betont provisorisch in die engen Räume gekantet – sind es vor allem ihre mit psychedelischen Farbverläufen, Werbelogos, 3-D-Emoticons und Photoshop-generierten Motiven bedruckten Voile-Stoffe, die sie hier als Meterware an hastig zusammengeschraubten Gerüsten präsentiert. Mit ihrer eigentümlichen Fashion-Ästhetik zwischen Fan-Schal und Hermès-Tuch wollen sie – ähnlich wie Brätschs Malerei – die Möglichkeiten des Transports kommerzialisierter Zeichen in künstlerische Bilder ausloten. Doch abgesehen von den spektakulären Moirée-Effekten, mit denen das durchs Gewebe schimmernde Tageslicht Röders Arbeiten in Bewegung bringt, bleiben sie so stumm, dass sich der Verdacht aufdrängt, ihre seltsame Uninspiriertheit folge einem heimlichen Kalkül.

Verstärkt wird dieser Eindruck noch durch die Ausstellungsarchitektur. In geradezu brachialer Manier haben die beiden dafür die Stellwände aus der vorangegangenen Schau von Walid Raad in den Raum gekippt und notdürftig mit ein paar Neonröhren und Plexiglasverschalungen zu sperrigen Vitrinenkästen zurecht gezimmert, die nun regelrecht wie Barrikaden in den Räumen stehen. Darauf stapeln sich Skizzenbücher, Stoffbahnen und Folienbilder wie auf Wühltischen, als ginge es darum zu zeigen, dass jedes Bildermachen – auch das eigene ­– der kommerziellen Logik der Massenproduktion und des Überschusses gehorcht. Überraschend daran ist allerdings nicht die Hemmungslosigkeit, mit der das Duo hier den Waren- und Fetischcharakter der Kunst zugleich feiert und demontiert, sondern die eher enttäuschende Nachricht, dass es möglich ist, mit so großer Geste so wenig Neues zu erzählen – oder wenigstens gute Laune zu verbreiten.

Dass das auch anders geht, zeigt ein hübsches Video des INSTITUTs, das derzeit im Keller der Kunsthalle zu sehen ist: Zusammen mit Ei Arakawa inszenierten die beiden vergangenen Sommer im japanischen Iwaki die Eröffnungsparty eines fiktiven Sonnenstudios, zu der sie Dutzende von Jugendlichen auf einen weitläufigen Parkplatz einluden. In einer Mischung aus Demo, Cheerleader Party und kultischem Ritual tanzen die Kids hier zu Karaoke-Pop durch die Nacht. Als Transparente halten sie Bilder von Brätsch und Röder in den Händen.

Kerstin Brätsch & Adele Röder.
Kunsthalle Zürich

Bärengasse 3, Zürich.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 12.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 12.00. bis 20.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 15. Januar 2012.
Kunsthalle Zürich