08/11/17

Ann-Kathrin Müller

Ihre Schwarz-Weiß-Fotografien voll erzählerischen Potentials sind derzeit im Kunstmuseum Stuttgart zu sehen

von Birgit Wiesenhütter
Thumbnail

muellertamerlan.jpg

Ann-Kathrin Müller, Tamerlan (2), 2015,  © Ann-Kathrin Müller
Die in Stuttgart lebende Künstlerin Ann-Kathrin Müller (*1988) bevorzugt für ihre Schwarz-Weiß-Fotografien eine Analogkamera der schwedischen Firma Hasselblad. Doch mit Nostalgie hat das nichts zu tun. In einer Zeit der digitalen Bilderflut und scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten der Bildbearbeitung entscheidet sich Müller bewusst für analoge Schwarz-Weiß-Fotografie. Wirklichkeit manifestiert sich auch in der Präsenz des Fotomaterials. Ihre Arbeiten reduzieren sich nicht auf einen stillen Blick auf die Wirklichkeit, begrenzt durch das von ihr bevorzugte quadratische Format der Silbergelatineabzüge. Sie sucht neue Formen des Beobachtens und Erzählens mit Bildern, die weder linear noch abgeschlossen sind, sondern von einem Nachdenken über unsere Bildkultur zeugen und vielschichtige erzählerische Perspektiven eröffnen. Ann-Kathrin Müller hat bereits eine beachtliche Bilanz an Preisen vorzuweisen. Zuletzt erhielt sie 2017 den Förderpreis der Alison und Peter Klein Stiftung. Sie ist Stipendiatin der Stiftung Kunstfonds Bonn. Nach mehreren Ausstellungsbeteiligungen hat sie mit der „Frischzelle_24“ im Kunstmuseum Stuttgart aktuell ihre erste museale Einzelpräsentation.

Ann-Kathrin Müllers Fotografien sind präzise komponierte Bilder, gestochen scharf und perfekt beleuchtet. In ihrer zwischen 2014 und 2015 entstandenen sechsteiligen Serie „Vantage Point“ (Blickwinkel) sehen wir in Bild Nr. 2 eine Frau in Rückenansicht, versunken in die Betrachtung eines Gemäldes von Willi Baumeister. Das Bild im Bild, die Dopplung des Betrachterstandpunktes macht uns zum Teil des Bildes, reflektiert die Rezeption beider Bilder und den Blickwinkel, den wir selbst einnehmen. Insofern steht diese frühe Arbeit Müllers paradigmatisch für ihr weiteres Werk. Bild Nr. 1 der Folge zeigt einen lichtdurchfluteten Vorhang vor einem querliegenden Langfenster. Entstanden ist es wie auch Bild Nr. 2 in dem von Le Corbusier entworfenen Haus in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung. Das Verhältnis von Licht, Schatten und der Architektur wird hier zum Thema, der Vorhang somit zum Hauptakteur eines formalen wie inhaltlichen Spiels. Was sich dahinter verbirgt, ist ein Geheimnis, ein Teil davon offenbart sich uns dennoch: Licht – es ist für jedes Bild der Ausgangspunkt des Entstehens, in der analogen Fotografie auch materiell. Im Zusammenspiel mit den anderen Arbeiten der Serie, Interieurs und eine Landschaft mit wild wuchernden Pflanzen, Orte möglicher Handlungen, die an Filmstills erinnern, wird ein Mechanismus von Assoziation und Reflexion beim Betrachter in Gang gesetzt. Ihren Bildfolgen fügt Müller Texte hinzu, die vage und assoziativ gehalten sind und die Bilder in einen möglichen inhaltlichen Zusammenhang bringen, aber immer offen bleiben. So spinnt sie auf mehreren Ebenen erzählerische Fäden, die der Betrachter auf seine Weise verknüpfen kann.

Dabei spielt sie mit Sehgewohnheiten aus Werbung und Film und nutzt deren erzählerische Strategien. Ästhetisch und kontrastreich in Szene gesetzte Objekte erinnern einerseits an die Flüchtigkeit von Werbung. In ihrer Umsetzung mit der von Victor Hasselblad entwickelten Systemkamera, mit der Buzz Aldrin Neil Armstrongs erste Schritte auf dem Mond fotografisch festhielt und damit ein Bild für unser kollektives Bildergedächtnis schuf, suchen die Fotografien andererseits aber auch das Archaische. Ann-Kathrin Müllers Fotografien hinterfragen die Wirkung von Bildern, indem sie uns viele Facetten davon aufzeigen, wie wir die Welt über Bilder wahrnehmen. „Das Sehen an sich ist ein Nachdenken über die Welt“, sagte jüngst Wolfgang Tillmans. Ann-Kathrin Müller schafft in ihren Arbeiten Raum zum Nachdenken und Weiterdenken, Raum zur Reflexion unserer Wahrnehmung von Bildern, aber auch zum Schaffen von inneren Bildern aus Erinnerung und Mutmaßung.          

 

Ann-Kathrin Müller: Frischzelle_24.
Kunstmuseum Stuttgart
Kleiner Schlossplatz 1, Stuttgart.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Freitag 10.00 bis 21.00 Uhr.
Bis 7. Oktober 2018.

 

 

 




Kunstmuseum Stuttgart
Ann-Kathrin Müller