03/11/17

Vervielfältigung in Varianten

In Friedrichshafen erzählt das Künstlerpaar Payer Gabriel immer wieder anders vom Leben

von Harald Ruppert

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Micha Payer und Martin Gabriel, Apologie des Zufälligen (Geflecht), 2016, Ausschnitt © Payer / Gabriel
Fragt man Martin Gabriel nach dem Zentrum seiner Kunst, sagt er: „Man kann das immer wieder anders erzählen.“ Das hat seinen Grund. Denn mit seiner Partnerin Micha Payer hat er sich nichts Geringeres vorgenommen, als die „Frage des Lebendigen“ optisch umzusetzen. Das Lebendige – das sind der Körper, der Geist oder die Gesellschaft in allen ihren Ausprägungen. Um da nicht schon im Ansatz verschluckt zu werden, muss man sich als Künstler an den Rand zu stellen versuchen – so wie der „Idiot“ im philosophischen Sinn des Wortes. Der Idiot ist der Außenseiter, der am Treiben der Anderen keinen Anteil nimmt und so zu Einsichten über sie gelangt. „Monolithen und Idioten“ heißt in der Ausstellung der beiden im Friedrichshafener Zeppelin Museum denn auch die einzige Skulptur von Payer Gabriel; ansonsten arbeiten die Wiener zeichnerisch. Es handelt sich um 28 Aluminiumabgüsse eines Stücks Treibholz – Abgüsse, von denen keiner dem anderen wirklich aufs Haar genau gleicht. Damit ist man auch bei einem Grundprinzip des Lebendigen: Es vervielfältigt sich nur in Varianten. So bewegt es sich auf einem Grat zwischen Ordnung und Chaos. Aber wie viel Chaos „braucht“ das geordnete Biosystem des Lebens – und wie viel Chaos „vertragen“ andererseits seine Bausteine, damit sie sich noch verbinden?

Mit Mehrdeutigkeit solle dieses Verhältnis aufgeladen sein, sagt Micha Payer und bezieht sich damit exemplarisch auf die Aluminiumabgüsse der Ausstellung. Hier geht es nicht nur um die Frage der Reproduzierbarkeit, sondern auch um die Spannung zwischen Materialität und Körperlosigkeit. Auf ihren langen Stäben wirken die Monolithen, als würden sie wie Wolken schweben. Schon ist man gedanklich bei der Cloud als der „hochgeladenen“ realen Welt, die ortlos geworden ist. Was bedeutet eine Welt, die ihre Griffigkeit verliert, aber wiederum für den Idioten? Nichts anderes, als dass seine Definition auf den Kopf gestellt wird: Wo die Marktplätze der Zusammenkunft sich in den Chatroom verlagern, wird jeder zum Vereinzelten vor dem Display. Ist in solchen Zeiten der neue Idiot derjenige, der das WLAN kappt und wieder mitten im analogen Gemeinwesen steht? Der Outsider von gestern wird zum Insider von morgen; und umgekehrt.

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Micha Payer und Martin Gabriel, Apologie des Zufälligen (Doppelgänger 6), 2016, © Payer / Gabriel
Nach welchen Regeln funktioniert das große Ganze? In der Systemtheorie steigt „die Komplexität eines Systems mit der Anzahl an Elementen, der Anzahl an Verknüpfungen zwischen diesen Elementen sowie der Funktionalität und Unüberschaubarkeit dieser Verknüpfungen“. Wenn das Lebendige aus unübersehbaren Wechselwirkungen seiner Bestandteile besteht – wo ist dann der Masterplan? Was unterscheidet eine Ordnung, die man nicht mehr überblickt, vom Chaos? Mit dieser Frage spielen Payer und Gabriel: Ihre peniblen Zeichnungen von einem Waldstück, einem Wal oder Schwemmhölzern erinnern an Lexikon-Illustrationen aus Zeiten, in denen die Welt noch aus der Inventarisierung ihrer Einzelheiten erklärbar schien. Die Künstler lösen diese Annahme zugleich wieder auf – durch den Verlust der Einheit ihrer jeweils mehrteiligen Zeichnungen.

Unlängst haben Payer Gabriel ein Künstlerbuch herausgebracht, eine Art Lexikon. Darin wird unter dem Stichwort „Weltall“ Hannah Arendt zitiert. Der Fortschritt der Wissenschaft habe mit Kopernikus eingesetzt, schreibt sie sinngemäß. Mit dessen Entdeckungen habe der Mensch begonnen, seine Imaginationskraft aus dem „Gravitationsfeld der Erde“ herauszuheben und die Fähigkeit erlangt, „von einem gewissen Punkt im Universum“ auf sie herabzusehen. Nur sei der Mensch mit jedem weiteren Fortschritt der Wissenschaft auch immer kleiner geworden.

Hier wird dem Außenseiter eine neue Rolle zugewiesen: Er ist in einem ersten Schritt derjenige, der am Rand stehend über die Gegebenheiten im Inneren zu Einsichten gelangt. Sie tragen aber nur zu einer noch weiteren Verkomplizierung der Verhältnisse bei. Diese Pointe ist so bitter wie die Zeichnung des Weltalls von Payer Gabriel: Die Sterne darauf sind in Wahrheit gezeichnete Schmerztabletten. Lassen sich nur damit die Paradoxien noch ertragen?     

 

Payer Gabriel, Cosmic Imperative
ZF-Kunststiftung im Zeppelin Museum
Seestr. 22, Friedrichshafen.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 26. November 2017.

 

 




ZF- Kunststiftung
Zeppelin Museum