06/11/17

Zwei Schritte vor, ein Schritt zurück

Die Ausstellung „Pilger Mills” im Kunstverein Nürnberg macht sich auf die Suche nach neuen zeitlichen Ordnungsmodellen

von Jolanda Bozzetti
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Anahita Razmi, Stacks/Variations, 2016, courtesy the artist & Gallery Carbon 12, Dubai
Die wachsende Komplexität unserer Wirklichkeit scheint bei Kuratoren ein Bedürfnis nach Übersicht und Orientierung hervorzurufen. Wenn Geschichte keiner linearen Erzählung folgt, welche Wege geht sie dann? In welchen Bahnen verläuft die Zeit? In welche Richtung bewegen wir uns? Während die documenta 14 ein explizit zirkuläres Geschichtsmodell vertrat, in dem sich die großen Themen und Probleme der Menschheit in wiederkehrenden Abständen und ähnlichen Formen zu wiederholen scheinen, schlägt die von Simone Neuenschwander kuratierte Ausstellung „Pilger Mills” in Nürnberg ein anderes Zeitmodell für unsere Gegenwart vor: Den Pilgerschritt. Dem Vokabular der Choreographie entlehnt, steht dieser Ausdruck als Metapher für eine beschwerliche Fortbewegung. Entwicklung und Fortschritt kann es demnach ohne Zäsuren und Rückfälle nicht geben.

Die Ausstellung, die „von unzeitgemäßen Formen in der Gegenwart“ handelt, vereint sehr heterogene Werke. Den Auftakt macht eine Arbeit der deutsch-iranischen Künstlerin Anahita Razmi, die 2016 für die Ausstellung „A Heritage Transposed“ im Box Freiraum Berlin entstand. Konzipiert war diese als Pendant zur geplanten Präsentation von Werken aus dem Teheraner Museum für zeitgenössische Kunst in den Staatlichen Museen zu Berlin, deren kurzfristige Absage für Schlagzeilen gesorgt hatte. Razmi stellte eine förmliche Leihanfrage an die Tate Gallery für ein Werk aus der ikonischen Serie „Untitled (Stack)“ von Donald Judd. Nicht ohne Humor beschreibt Razmi in ihrem Brief die Präsentation dieser Arbeit, die in Teheran etwas unglücklich in einer dunklen Raumnische von zwei Feuerlöschern flankiert werde. Zudem entspreche die Hängung der einzelnen Elemente nicht den Anforderungen nach Präzision und Rechtwinkligkeit –  ein für die Minimal Art entscheidendes Kriterium. Doch, so Razmi, habe ihr diese Präsentation immer gefallen, da sie das Ausstellen von Werken selbst zum Thema mache. Für Berlin schlägt sie nun eine alternative Hängung der Londoner Fassung vor, bei der eines der zehn Elemente aus der strengen vertikalen Ordnung förmlich aus der Reihe tanzt. In ihrer vergleichenden Analyse der Hängungen in den beiden Museen in Ost und West reflektiert Razmi zugleich den Umgang mit Kunst in unserer globalisierten Welt. Wie gesetzt sind der Kanon und die Regeln der Kunst? Welche ideologischen Implikationen sind darin zu finden und können oder müssen diese neu diskutiert werden? Eine apokalyptische Szenerie entwirft Will Benedict in seinem Musikvideo „I am a Problem (T.O.D.D.).“ Der Sound der Detroiter Noise-Band Wolf Eyes dominiert mit ihren düsteren Klängen akustisch den Ausstellungsraum. Auch die visuelle Begleitung, die Benedict dazu arrangiert hat, ist alles andere als heiter: zu sehen ist ein computeranimierter Alien, der mit US-Talkmaster Charlie Rose eine fiktive Unterhaltung über Probleme der Immigration, des Klimawandels und des Umweltschutzes führt, während collageartig filmische Zitate von Stanley Kubrick oder politische Symbole wie der erleuchtete Eiffelturm in einem psychedelischen Strudel verschmelzen. Die von dem ebenfalls aus den USA stammenden Künstler Eric Sidner entworfene Figur ist zwar eine plastische, im Raum präsente, doch setzt sie sich aus so unterschiedlichen Elementen und Materialien zusammen, dass sie als Ganzes scheinbar Widersprüchliches vereint. Das opulent-surreale Gebilde mit Wachsfüßen, Oktopus-Körper, Plastikgebiss und schwebendem Flügelhauben-Hut (auch hier wieder ein Zitat aus dem US-Fernsehen) erscheint als ein Mischwesen aus traumähnlichen Erinnerungen und möglichen Zukunftsprojektionen.

 

Das Vor und Zurück der Zeit wird von den Arbeiten auch auf formaler Ebene thematisiert. Nach den bewegten Eindrücken in den Videos – Oliver Husains „Isla Santa Maria 3D“ spannt einen zeitlichen Bogen von 1492 bis 2294 – bildet Rodrigo Hernández' „Plasma (Dinosaur)“ einen ruhigen Schlusspunkt. Doch auch hier ist Bewegung zumindest vorstellbar. Die vier Metallplatten, die zusammengesetzt die Figur eines liegenden Denkers zeigen, scheinen derart fixiert, dass sie ihre Position auch ändern könnten. Betrachtet man die horizontal montierten Holzleisten als imaginären Zeitstrahl an der Wand, könnte der Denker einen Schritt vorwärts rücken. Oder einen zurück. Platz wäre in beide Richtungen.   

 

Pilger Mills: Von unzeitgemäßen Formen in der Gegenwart.
Kunstverein Nürnberg/Albrecht Dürer Gesellschaft
Kressengartenstr. 2, Nürnberg.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 14.00 bis 18.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 13.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 19. November 2017.

 

 

 




Kunstverein Nürnberg