01/11/17

Laserprinter Paintings in Tracksuit-Dekor

Die Kunsthalle Zürich widmet der US-Amerikanerin Cheryl Donegan eine bemerkenswerte Soloschau

von Dietrich Roeschmann

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Cheryl Donegan, My Plastic Bag, Installationsansicht, Kunsthalle Zürich, 2017, © Foto: Annik Wetter


Es gibt eher selten Ausstellungen, die so offen und klar die Frage nach den Bedingungen von Relevanz in der zeitgenössischen Kunst stellen wie die aktuellen Soloschauen von Cheryl Donegan und John Russell in der Kunsthalle Zürich. Die lokalen Medien reagierten darauf mit überraschend deutlicher Verweigerung. Während im „Tagesanzeiger” lediglich ein als Warnung deklarierter Tipp zu Russells „maßlosen” Beutezügen „in den Untiefen des üblen Kitschs” erschien, füllte der NZZ-Redakteur seine Spalten über Donegan mit seltsam ratlosen Variationen der Frage „Und das soll Kunst sein?”, die sich wie eine passiv-aggressive Kapitulation der Kritik vor dem Objekt lasen. Ansonsten erschienen bislang keine Rezensionen – was gemessen am internationalen Renommee der Kunsthalle bemerkenswert ist. Was könnte der Grund sein?


Tatsächlich gehören Donegan und Russell einer Künstlergeneration an, die in den 1990ern mit viel beachteten Ausstellungen in einem popkulturellen Umfeld präsent waren – Russell als Mitglied des britischen Künstlerkollektivs BANK, Donegan als gefeierte New Yorker Videokünstlerin mit einem schrägen, grellen, oft auch provozierenden Interesse an Körper, Geschlecht und Dissidenz. Beide lagen mit ihrer Kunst im Trend. Legendär etwa Donegans Action-Painting-Videoperformance „Kiss My Royal Irish Ass” oder die mit einer Milchflasche zelebrierte, pornografisch aufgeladene Schluck- und Spuckorgie „Head” von 1993. Dann aber, gegen Ende der Neunziger, rutschte Donegan – ähnlich wie Russell – langsam aus dem Fokus der Szene. Die Karawane zog weiter, Video wurde von Netzkunst abgelöst. Viele Galerien, die mit dem Post-Punk-Boom groß geworden waren, mussten schließen, weil niemand mehr ihre Bilder kaufte. So verlor auch Donegan ihre Ausstellungsmöglichkeiten, und am Ende, als es nur noch Verrisse hagelte, vor allem für ihre Malerei, mottete sie ihre Bilder ein für bessere Zeiten, die sie nicht wirklich erwartete.

Heute ist Donegan 55. Ein schwieriges Alter für Kunstschaffende, die es weder zu internationalem Erfolg noch zum sicheren Job in der Lehre gebracht haben, weil sie einfach ihr Ding machen wollten. Dass Daniel Baumann, Direktor der Kunsthalle Zürich, Donegan eingeladen hat, ihre Arbeiten an derart prominenter Stelle zu zeigen, kann man durchaus als engagierten Beitrag zur Diskussion über die aktuelle Entwicklung des Kunstbetriebs und ihre Folgen für die eben noch junge Szene des gerade endenden Booms deuten. Der Markt konsolidiert sich, wichtige Galerien wie Freymond-Guth in Basel, Rotwand und Herrmann Germann Contemporary in Zürich schließen, viele Kunstschaffende werden sich neu orientieren müssen. Oder weiter machen wie Cheryl Donegan mit ihrer Malerei aus dem Laserprinter nach Vorlage von Traningsanzug-Dekors aus dem Internet, die unter anderen Umständen möglicherweise ähnlich angeregt diskutiert werden würde wie Wade Guytons Epson-Bilder.

 

Cheryl Donegan
Kunsthalle Zürich
Limmatstr. 270, Zürich.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Fretag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 20.00 Uhr, Samstag und Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 12. November 2017.

 




Kunsthalle Zürich
Cheryl Donegan