16/12/11

Raumgreifende Objekte

Einer neuen Form der Bildhauerei auf der Spur. Skulpturales Handeln im Haus der Kunst in München.

von Annika Schroeter
Thumbnail

Einer neuen Form der Bildhauerei auf der Spur. Skulpturales Handeln im Haus der Kunst in München.Phylida Barlow

Der erste Eindruck ist überwältigend. Eine Installation von Phyllida Barlow verstellt den Weg zur Ausstellung im Münchner Haus der Kunst. Eine Art zusammen gezimmerte Rampe aus Styropor und Baulatten rutscht dem Betrachter förmlich entgegen. Mutig drängt man sich vorbei in den Raum, um sogleich von riesigen Säulenfragmenten auf Zwergenmaß geschrumpft zu werden. Anders als in Einrichtungshäusern weisen hier keine Pfeile am Boden dem folgsamen Besucher den Weg.

Der Knalleffekt zu Beginn, von der Britin Barlow wunderbar inszeniert, könnte die Kontrastwirkung zu dem, was da folgt, nicht stärker hervorheben. Hatte man gerade noch das Gefühl, zwischen den raumgreifenden Objekten zu ersticken, sieht man sich im nächsten Augenblick erstarrten, hauchzarten Spritzern und Pinselstrichen aus Gips gegenüber. In Vierergrüppchen zu eckigen Pfeilern angeordnet, stehen sie frei im Raum. Ein Luftstoß, und die schneeweißen, zarten, verästelten Gebilde der New Yorkerin Kimberley Sexton könnten zerbrechen, so scheint es. Abkehr von allzu großer Rührung ermöglichen die kompromisslos minimalistischen Quader von Anita Leisz. Aus Pappe und Pressholz akkurat gefertigt, stehen sie aufrecht und still da, trumpfen nicht auf, schreien den Betrachter nicht an und strahlen dennoch Autorität aus.

Bewusst schlichtes, billiges Material ist allen Exponaten dieser Ausstellung zu eigen, kontrastreich wie der Titel „Skulpturales Handeln“ aber dessen Einsatz. Narrativ kommen Alexandra Birckens unterhaltsame Installationen daher. Haare, Frauenkleider, eingeknotet in Taue, Zweige, Blätter, Müll. Jede ihrer abwechslungsreichen Arbeiten erlaubt persönliche Lesarten, witzig ist dabei nicht nur die Skiliesl – eine überdimensionierte Variante der Strickliesl aus Kindertagen. Vincent Fecteaus Hochglanz-Pappmacheeformen dagegen widersetzen sich unserem Wunsch nach Bodenständigkeit. Sie lassen sich von mehreren Seiten betrachten, sie haben kein Oben, kein Unten, kein Vorne, kein Hinten. Schon das verwendete Material straft jede Bronze Lügen.

Am Ende der Ausstellungsetage hat der Berliner Künstler Michael Beutler eine riesige Werkstatt eingerichtet. Die Frage nach dem „Skulpturalen Handeln“ findet hier ihre prägnanteste Antwort. Der Arbeitsprozess ist sichtbar gemacht, er scheint nur kurz unterbrochen, Werkzeuge wurden stehen und liegen gelassen, unvollendete Arbeitsschritte warten scheinbar auf ihre Fortsetzung. Alles, was man sieht, wurde hier geschaffen und wird möglicherweise nur hier existieren. Beutler hat die Wände zugestellt mit gigantischen Papierwellenwulsten, deren Quadermusterung das Maß der Bodenplatten des Hauses zum Vorbild hatte. Und wieder ist man körperlich überwältigt. Ein gelungener Schlussknall einer höchst vielseitigen Ausstellung, die ein bisschen Lust macht auf einen Bummel über den Wertstoffhof.

Skulpturales Handeln.
Haus der Kunst

Prinzregentenstr. 1, München.

Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag 10.00 bis 20.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 22.00 Uhr.
Bis 26. Februar 2012.
Haus der Kunst