19/12/11

Im russischen Wald

Die Staatliche Kunsthalle Baden-Baden zeigt eine Ausstellung der russischen Gruppe Chto delat?

von Annette Hoffmann
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Die Staatliche Kunsthalle Baden-Baden zeigt eine Ausstellung der russischen Gruppe Chto delat?Chto delat?

In einer Stadt, deren Einzelhandel vermehrt russischsprachige Kräfte sucht, kann Kommunismus nur ein Unwort sein. Der Name der Gruppe Chto delat?, die in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden derzeit eine Ausstellung zeigt, dürfte bei vielen ungute Erinnerungen wecken. „Was tun?“, so die Übersetzung, ist ein Lenin-Zitat, ursprünglich jedoch stammt es vom russischen Autor Nikolai Gawrilowitsch Tschernyschewski. Und der appellative Charakter des Namens, den sich der Zusammenschluss von Künstlern, Kritikern und Philosophen 2003 gegeben hat, kommt nicht von ungefähr. Chto delat? verbindet das derzeit in der Kunstszene boomende Model der Kollaboration mit – ja, mit dem Kommunismus. Das heißt vordergründig bezieht sich das Kollektiv auf eine Ästhetik, die politisch geprägt ist. Und wenn sich dabei die Welt ein wenig verändert, wird sich Chto delat? auch nicht beschweren.

Für ihr Video „Builders“ aus dem Jahr 2004 stellt Chto delat? ein Arbeiterbild des sozialistischen Realismus nach und spricht dabei über die eigene Kunst. Über die Bedeutung von Konflikten, die sich als Katalysator bei Formfindungen auswirken, über die Utopie der Freundschaft als wichtigste Utopie überhaupt und eine Erneuerung des Pathos als künstlerische Sprache. Chto delat? greift dabei auf Bertolt Brechts theatralisches Mittel der Verfremdung zurück – in Baden-Baden wurde so das Singspiel „Das Lehrstück vom Un-Einverständnis“ uraufgeführt –, aber auch auf Formen politischer Agitation und ihrer Architekturen. Wer will, kann in der Kunsthalle eine Bühne besteigen, hinter der sich die Reproduktion eines Revolutionsdenkmals befindet und einer der Räume ist als kleine Bibliothek mit Magazinen und Büchern konzipiert. Das knüpft an die Rekonstruktion von Rodtschenkos Arbeiterklubentwurf von 1925 und einer Rednertribüne an, die 2008 in der Kunsthalle zu sehen war. Dass in Russland Malewitschs Werke zwischen 1931 und 1988 nicht gezeigt wurden, erfährt man in der der Wandarbeit „Perestroika Time-line“, die auf einer Zeitschiene wichtige politische, aber auch gesellschaftliche Ereignisse zusammenfasst und am Ende die verpassten Möglichkeiten einer erneuerten Gesellschaft der Oligarchie des Geldes gegenüberstellt. Chto delat? lässt an deren Herrschaft keinen Zweifel. In ihrer Silhouetten-Installation „The Russian Woods“ wird die traditionelle Figur des Drachens durch einen Ölbohrturm dargestellt. Und in ihrem Singspiel „The Tower“ entscheiden die Repräsentanten verschiedener Interessengruppen am runden Tisch über den Bau des Okhta Center von Gazprom. Alle, orthodoxe Priester wie Künstler, sind vom Geld des Konzerns geschmiert. Chto delat? greift damit die Proteste aus dem Jahr 2009 auf, die bislang einen Bau des 400 Meter hohen Turms verhinderten.

Chto delat?
Staatliche Kunsthalle Baden-Baden

Lichtentaler Allee 8a, Baden-Baden.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 12. Februar 2012.
Staatliche Kunsthalle Baden-Baden