20/10/17

Ester Vonplon

Die Bündner Künstlerin fotografiert Requiems für schwindende Naturphänomene

von Nicola Schröder

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Ester Vonplon, ohne Titel, 2017,  © Ester Vonplon
Die neusten Arbeiten der Fotografin Ester Vonplon (*1980), die derzeit in der Manor Kunstpreis-Ausstellung im Bündner Kunstmuseum gezeigt werden, sind die konsequente Weiterführung ihrer früheren Ansätze. Zuletzt hatte sich Vonplon intensiv mit den Themenkomplexen Schnee, Eis und Weiss auseinander gesetzt. Exemplarisch kann hier die Serie „Gletscherfahrt“ herausgegriffen werden. Konkret geht es um Aufnahmen von Gletschern, die mit Vliesbahnen vor dem Schmelzen bewahrt werden sollen. Es sind, wie fast alle Werke Vonplons, scheinbar zeitenthobene und fragile Bilder, die sie jeweils analog mit einer Grossbildkamera macht. Die reine Dokumentation durchbricht Vonplon, unter anderem indem sie in den Prozess des Entwickelns eingreift. So erhielten die Schwarz-Weiss Bilder einen stark metaphorischen Charakter. Einen Videozusammenschnitt der Gletscher-Bilder hat Vonplon in Zusammenarbeit mit Stefan Eicher akustisch unterlegt – die Toninstallation „Gletschermilch“ besteht aus Geräuschen der Gletscher und verhaltenen Instrumentalklängen. Die Installation war unter anderem 2014 im Museum Allerheiligen in Schaffhausen in Vonplons erster musealen Einzelausstellung zu sehen. Sie erscheint wie das Requiem für ein dahinschwindendes Naturphänomen. Es sind schwere und nachdenkliche Bilder, die Vonplon aber jeweils auch mit einer gewissen Leichtigkeit zu versehen weiss. Eine Melancholie kommt in ihnen zum Ausdruck, wie sie so fast nur im Angesicht von Schönheit und Grösse entsteht und im Bewusstsein um deren Vergänglichkeit. Die denkbar stillsten Bilder werden so zum grösstmöglichen Appell an die menschliche Vernunft. Nicht umsonst war „Gletscherfahrt“ während der UN-Klimakonferenz 2015 in der Schweizer Botschaft in Paris zu sehen.

Vonplon lebt heute selbst im bündnerischen Castrisch, dem Heimatort ihrer Mutter. Doch es zieht sie auch immer wieder in die Ferne. Ihre ersten Fotos entstanden 2008 in Rumänien. Im Jahr darauf erhielt sie für eine Serie atmo­s­phärischer Bilder von Romas im Kosovo bereits ihren ersten von diversen Preisen, den Swiss Photo Award für die beste fotografische Arbeit in der Schweiz. Einen dokumentarischen Charakter wiesen auch folgende Fotos noch auf. Unter anderem zeigten sie die leeren Häuser längst verstorbener Bewohner der Surselva und Ansichten der naheliegenden Rheinschlucht. Aus beidem entstanden zwei spezielle Heimat-Bücher.

Zunehmend jedoch beschränkten sich die Fotos Vonplons auf Detailansichten. In Verbindung mit der Ausstellung in Schaffhausen hat Vonplon auch die Oberfläche eines Salzsees in Utah fotografiert – Bilder voller Ruhe und schlichter Schönheit. Die entsprechende Ästhetik entwickelt sich unabhängig von der Kenntnis, was dort eigentlich genau zu sehen ist. Sie sind eine Auseinandersetzung mit der Welt des Bildes. Die physischen Merkmale der Dinge lösen sich auf – Zeit und Raum treten in den Hintergrund. Mit den neusten Arbeiten geht Vonplon nun noch einen Schritt weiter. Wo die Verortung ihrer Arbeiten zuvor schon schwierig war, wird sie mit zunehmendem Abstraktionsgrad jetzt praktisch unmöglich. Vonplon befragt verstärkt die Aussagekraft von Bildern an sich und greift dazu noch mehr in das eigentlich Fotografierte ein. Auf einem Forschungsschiff in der Arktis hat sie Polaroid-Bilder aufgenommen, die sie noch während des analogen Entwicklungsprozesses mit Chemikalien manipuliert hat. Darüber hinaus experimentiert sie auch mit der direkten Belichtung des Fotomaterials. Vonplons vorläufige Ergebnisse bilden also eine gewisse Symbiose aus Fotografie und manueller Gestaltung.    

 

Ester Vonplon: Singen. Vögel im Schlaf.
Bündner Kunstmuseum
Postplatz, Chur.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 17. Dezember 2017.