19/10/17

Den Gänsen nach

Agnes Meyer-Brandis zeigt im Hek, dass Wissenschaft auch poetisch sein kann

von Yvonne Ziegler

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Agnes Meyer-Brandis, Astronaut Training Method No. V, Videostill, Moon Goose Colony 2011 @ Agnes Meyer-Brandis, VG-Bild Kunst 2016
„Fantastische Realitätsanwendungen“ nennt Agnes Meyer-Brandis (*1973) die Methoden ihrer Welterkundung. Die Ergebnisse, die Prozesse und Überlegungen dieser langjährigen Kunstexperimente vermittelt sie in amüsant erfahrbarer Form. Durch ihre künstlerisch-wissenschaftliche Herangehensweise eröffnen sich beflügelnde Möglichkeitswelten. Gleichwohl es sich um konsequent durchgeführte Projekte handelt, spielen Humor, Spiel, Phantasie und Ästhetik eine wesentliche Rolle, was sich nicht zuletzt in ihren jeweils forschungsspezifischen Wandtexten mit dem Titel „Subsurdium“ zeigt. Dieser Neologismus fasst gleichermaßen das unterirdische Graben und Aufdecken von Informationen und den Aspekt der Absurdität in einem Wort. Ihre Forschungsfragen zielen auf grundsätzliche Phänomene: Wie sieht ein stehender Wassertropfen aus? Was passiert in der Schwerelosigkeit? Welche Kräfte wirken auf den Körper? Können Bäume migrieren? Wie funktioniert der Gasaustausch von Fliegenpilzen? Drei große Projekte sind derzeit im Haus der Elektronischen Künste Basel zu sehen, eine einmalige Gelegenheit in diesen lebendigen Forschungskosmos einzutauchen.

Seit alters her ist der Mond ein sagenumwobener Ort, um den sich Geschichten ranken. Anfang des 17. Jahrhunderts schrieb der englische Bischof Francis Godwin einen Science Fiction-Roman über einen Spanier, der vom Pico de Teide auf Teneriffa zum Mond fliegt. Sein Reisegefährt bestand aus einem von Mondgänsen gezogenen Gerüst. Diese Vogelart, so sagte man, zog alljährlich von der Erde zum Mond. 2008 beschloss Meyer-Brandis diesen Vögeln nachzuspüren. Auf einer Farm in Italien zog sie „Mondgänse“ auf und bereitete sie auf den Astronautenflug vor. Im Kontrollraum der Ausstellung kann man die Gänse in der Mondtestlandschaft beobachten, auch ihr erster Fußabdruck auf dem Mond ist zu sehen sowie die Eier, aus denen die nach Raumforschern benannten Gänse geschlüpft sind. Besonderes Vergnügen bereitet der Film, der Aufzucht, Prägung und Training der Gänse dokumentiert.

Mit dem Flug zum Mond stehen Experimente zur Gravitation auf der Erde und in der Schwerelosigkeit in Verbindung. Wie sich Miniatur-Szenen, bestehend aus Kügelchen, Wasser und Häuschen, während eines Parabelflugs verändern und welche körperlichen Anstrengungen die Künstlerin für diese Experimente auf sich nahm, sind eindrucksvoll zu erkunden. Nichts wird digital simuliert, auch nicht die Migration der Bäume, die sich durch die Beschleunigung des Klimawandels schneller als bisher bewegen müssen. In tanzenden kybernetischen Teetassen kocht Tee, der aus allem gemacht ist, was vom Himmel fällt: Staub, Pflanzen und Mikroorganismen, die sich im Ausstellungsraum befinden.      

 

Agnes Meyer-Brandis, Wolkenkerne, Mondgänse und Wanderbäume
Hek
Freilager-Platz 9, Münchenstein-Basel.
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag 12.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 12. November 2017.


 





Hek