17/10/17

Wenn Virtuelles real wird

Die Ausstellung "Datumsoria" zeigt, wie die Digitalisierung unseren Alltag verändert

von Carmela Thiele

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Yan Lei, RÊVERIE Reset, 2016-2017, © Chronus Art Center
China hat Europa in Sachen Digitalisierung überflügelt und im Zuge dessen die Medienkunst entdeckt. Seit 2013 veranstaltet das Chronus Art Center in Shanghai so etwa Ausstellungen und Tagungen zur Medienkunst. Künstlerischer Direktor ist Zhang Ga, der auch die Gruppenschau „Datumsoria: The Return of the Real“ zusammenstellte, die derzeit im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) zu sehen ist. Die zehn Installationen von Künstlern aus fünf Ländern sollen zeigen, wie die in unseren Alltag vorgedrungene Digitalisierung unsere Wahrnehmung verändert hat. Zhang konzipierte am Chronus Art Center das Forschungsprogramm Art&Tech@, das traditionelle Kunstformen mit den technischen Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts zusammenbringt. Erster Proband war der Maler Liu Xiaodong. Im Verlauf der ZKM-Schau entstehen nun drei monumentale Bilder mit dem Titel „Weight of Insomnia”. Es ist nicht Liu, der zum Pinsel greift, vielmehr spritzen Roboter Farbe auf weiße Leinwände, instruiert von Daten, die über Livecams generiert werden, die am Brandenburger Tor, in einer baden-württembergischen Autofertigungshalle und an einem Kreisverkehr in Karlsruhe stehen. Viele der Arbeiten sind technisch verspielt oder theoretisch konstruiert. Bei Carsten Nicolais audiovisueller Installation „unitape“ hingegen lockt die Makellosigkeit programmierter Schönheit. Während die Werke von Yan Lei, Zhang Peili oder Nam June Paik mit einer Vielzahl nervös flackernder Monitore arbeiten, gelingt es Nicolai einen bis in den letzten Nerv vordringenden Impuls zu generieren. Nicolai dehnt im Dunkel der Projektion die visuelle Fläche ins Unendliche, variiert Strickmuster, die im Rapport zu rhythmischen Klängen von der Decke in den Boden tanzen. Das Werk ist inspiriert von der Erfindung des mechanischen Webstuhls Joseph-Marie Jacquards. Der gelernte Buchdrucker ermöglichte bereits Ende des 18. Jahrhunderts mittels Lochkarten die rasche Produktion gewebter Stoffe mit komplexen Mustern, was als frühe Anwendung der Digitaltechnik gilt.

Auch Rafael Lozano-Hemmer setzt mit seinem Scanner „Please Empty Your Pockets“ auf Verführung, auf die Schönheit der Maschine. Seine Apparatur ist kleiner als ein Sicherheitsscanner am Flughafen, ist designt wie ein modernes Möbel. Das Licht ist gedämpft, kein Personal in Sicht. Aus purer Gewohnheit folgen wir der Aufforderung, stöbern in unseren Taschen und legen einen Stift auf das Laufband. Es transportiert ihn durch den Scanner, lichtet ihn ab und zeigt ihn für kurze Zeit – auf das Laufband projiziert – zusammen mit Dingen, die andere Besucher preisgegeben haben. Fasziniert schauen wir auf die lautlose Operation, machen uns Gedanken über die Poesie des Zufalls, die Magie des Erscheinens und Verschwindens oder das vielleicht bald real werdende gänzlich virtuelle Leben der Dinge.     

 

Datumsoria
ZKM
Lorenzstr. 19, Karlsruhe.
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 10.00 bis 18.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00.
Bis 18. März 2018.

www.zkm.de

 





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