16/10/17

Raum und Kunst

Im Kunsthaus Zug stellt Michel Kienzer das Paradigma des White Cube auf die Probe

von Tiziana Bonetti

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Michael Kienze, Raum und Figur, 2017, Foto: Jorit Aust Photography © Künstler und Fotograf
Spätestens seit Brian O'Dohertys 1976 im Artforum publizierten Essays „Inside the White Cube” hat die Frage nach dem Konzept zur Ausstellung von Kunst einen eigenen Stellenwert erhalten. Hat sich O’Doherty einst als Advokat des neutralen, weissen Galerieraums verdient gemacht, ist das Paradigma der weissen Zelle als Nonplusultra jeden musealen Raums zunehmend zu einem diskutablen Streitpunkt geworden. So auch im Kunsthaus Zug. Mit der gegenwärtigen Ausstellung von Michael Kienzer (*1962) wird die Bedeutung des Museums als Plattform der Präsentation von Kunst befragt. 

Der Parcours durch die sperrige Kunst des österreichischen Bildhauers beginnt mit der großen Installation „Raum und Figur” (2017) im Nordtrakt des Hauses, die sich auf die horizontalen Stützbalken an der Decke bezieht. Täuschend echt kopiert liegen ihre vervielfältigten Replikate in veränderter Materialität – in Holz und Aluminium – quer im Raum und auf dem Boden. Mit dieser Arbeit befragt Kienzer den musealen Kontext, indem er den Betrachter mit der Schwierigkeit konfrontiert, zwischen den die Architektur stützenden Balkenelementen der Decke und den vom Künstler nachgebildeten zu unterscheiden. In Exponaten wie „Konstrukt Vol. 3” (2017) oder „Vierung Vol. 1” (2014-2015) verfolgt Kienzer einen ähnlichen Ansatz. Hier geht es dem Bildhauer allerdings nicht um ein explizites Weiterdenken von Museumsarchitektur als optische Illusion. Vielmehr verleiht er mittels zusammengehämmerten Gebilden aus Stahl und Aluminium dem Ausstellungsraum die Optik eines sterilen und minimalistischen Industrieareals und befragt damit das relative Verhältnis von Raum und Kunst. Wirken Kienzers Arbeiten auf den ersten Blick wie ein amorpher und zufälliger Haufen von Wirrwarr aus Stahlschnüren, Platten und Rohren, Schrauben und Gittern, entpuppen sie sich auf den zweiten als zu einem Titel zusammengefasstes und in diesem Sinne organisiertes Chaos. So heisst die aus drei Quadern und Gestängen gebaute Plastik „Korsett” (2017), die einen Dialog mit dem Wiener Bildhauer Fritz Wotruba (1907-1975) aufnimmt, welcher im Zuger Exil den Zweiten Weltkrieg überstand.

Mit Michael Kienzer hat das Kunsthaus Zug einen Künstler eingeladen, der mit seinen Arbeiten kritisch Position zu aktuellen Kunstdiskursen bezieht. Etwas irreführend allerdings, dass diese Position im Ausstellungstitel als „Lärm” bezeichnet wird: Mit seiner Kritik am musealen Konservatismus und an Machtstrukturen – seien diese nun innerhalb oder ausserhalb des Kunstdiskurses – erzeugt Kienzer wohl kaum Lärm. Ist doch gerade Nonkonformität und Kritizismus in Künstlerkreisen nicht erst seit gestern der letzte Schrei.      

 

Michael Kienzer
Kunsthaus Zug
Dorfstr. 27, ZUg.

Öffnungzseiten: Dienstag bis Freitag 12.00 bis 18.00 Uhr, Samstag und Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 5. November 2017.

 

 




Kunsthaus Zug