12/10/17

Kartografie des Postkolonialismus

Das Haus der Kunst in München widmet dem karibisch-britischen Maler Frank Bowling eine große Werkschau

von Christoph Sehl

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Frank Bowling,  Bartica, 1968-69, Courtesy the artist & Hales Gallery, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017
„Mappa Mundi“ ist eine monografisch angelegte Einzelausstellung des 1934 in British-Guayana geborenen Künstlers Frank Bowling. In den frühen 1950er Jahren brach er von dort nach London auf und war damit Teil der sogenannten Windrush-Generation karibischer Emigranten, aus der heraus sich im „Mutterland“ eine Art postkoloniale Emigrantenkultur entwickelte. 1958 schrieb sich Frank Bowling als Kunststudent ein und machte im Sommer 1962 seinen Abschluss am Royal Collage of Art mit der Auszeichnung der Silbermedaille, David Hockney, sein Kommilitone erhielt die Medaille in Gold.

Die Ausstellung im Haus der Kunst setzt ungefähr in der Zeit ein, als Bowling sein Atelier und damit den Ort seines Arbeitens schwerpunktmäßig nach New York verlagerte, 1966. Die am Figurativen orientierten und mit dem Gedanken des Mimetischen verflochtenen Arbeiten aus seiner Studienzeit und den Jahren danach verflüchtigen sich hier zu Gunsten neuer und sich verschiebender Ansätze, großformatige Bilder zu denken. Riesige Land- und vor allem Weltkarten entstehen, montagehaft kombiniert mit flächig, expressiv eingesetzten Farbschichtungen. Bowlings Begegnungen und Erfahrungen in der „Neuen Welt“ ließen ihn seine Rolle als schwarzer Künstler in der Welt der Kunst bewusst werden. Andererseits war und ist er zu sehr Künstler als dass er diese Rolle als Bedingung für sein Arbeiten eingesetzt hätte. Im weiteren Verlauf entzieht er seinen Bilder mehr und mehr eine wiedererkennbare Zeichenhaftigkeit und verlegt seine Ausdrucksformen ins Abstrakte, wie auch die Elemente, die er in seine gleichwohl Collagen bleibenden Bilder einsetzt, nur mehr aus Chiffren aus seinem subjektiven Kosmos abgeleitet sind.

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Frank Bowling, Moby Dick, 1981,  Courtesy the artist & Hales Gallery, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017
Es gehört wohl zu den geringer ausgeprägten Beständen hiesiger Sehgewohnheiten in der abstrakten Malerei Signifikanz erkennen zu können. Das mag in bestimmter Hinsicht seine Berechtigung besitzen und zwar dort, wo die Kunst sich bekennender Weise aus der Signifikation heraushalten möchte, wie auch dort, wo die Beziehung zur Wirklichkeit eine schmerzvolle gewesen sein mag und dem Vergessen ein Vorzug eingeräumt wurde. Einer der wohl bedauerlichsten Nebenwirkungen dieser Entwicklung ist es, den Blick auf die Abstraktion in der Malerei verstellt zu haben, wo diese ausdrucksstarke Erfahrung zu vermitteln vermag und im Besonderen Erfahrung, die sich nicht in Versprachlichung zwingen lässt – nicht im Sinne, dass Einspeicherungen im bildlich Abstrakten dem Antagonismus Text-Bild unterliegen.

In einer Art umgekehrten Schlaufe schreibt sich eine immer intensivere Bedeutung in die mehr und mehr abstrakter werdende Malerei von Frank Bowling ein. Wie ein bei Flaute in die Stille fallendes Meer, das ruhiger und ruhiger wird, schleicht sich das aufgewühlt Figurative, das am Realen orientierte Mimetische aus seinen Arbeiten und aus der Tiefe steigt ein Bewusstsein, das anderen Abgründen Ausdruck verschafft. Ein Ozeanisch Erhabenes verkettet sich bei Bowling zu einem Narrativ, in dem sich die vielen verschränkten Linien erzählen, beginnend mit bei der Middle Passage - geografische, politische, historische Linien.

„Mappa Mundi“ bildet eine Brücke zwischen den beiden Großprojekten, „postwar“ und „post-colonialism“. Das eine schon abgeschlossen, das andere an der Horizontlinie des noch Kommenden, als zweiter Teil einer Trilogie, die dann ihren Abschluss mit „post-communism“ finden wird. Frank Bowlings „Mappa Mundi“ ist in der Tat eine der großen Ausstellungen, die einem zeigt, mit welchen paradoxen Bewegungen uns die Kunst immer wieder vorführt, wie sie ihren eigenen Auslaufhorizont zu überschreiten vermag, und das erstaunlicher Weise von beiden Seiten her.       

 

Frank Bowling: Mappa Mundi.
Haus der Kunst
Prinzregentenstr. 1, München.
Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag 10.00 bis 20.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 22.00 Uhr.
Bis 7. Januar 2018. www.hausderkunst.de

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Prestel Verlag, München 2017, 256 S., Engl., 49,80 Euro | ca. 65 Franken.

 

 

 

 




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