10/10/17

Radikal lichtempfindlich

Eine sinnliche Doppelretrospektive im Kunsthaus Baselland und im Kunstmuseum St. Gallen würdigt die US-Malerin Marcia Hafif

von Dietrich Roeschmann
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Marcia Hafif, An Extended Grey Scale, 1972 (l.), Ausstellungsansicht Kunstmuseum St. Gallen, Foto: Mark Mosman
Manchmal ist es lohnend, einen Ausstellungsbesuch im Keller zu beginnen. Abseits der Sensation von Marcia Hafifs Farbwelten, die sich derzeit im Kunsthaus Baselland ausbreiten wie Licht, hat die Basler Künstlerin Maja Rieder (*1979) hier im Untergeschoss nämlich eine äußerst attraktive Soloschau eingerichtet. Ausgehend von der Diagonale als einfachster Geste, um ein weißes Blatt Papier zu füllen, entwickelte sie für den ersten Saal eine Serie von deckenhohen Tuschezeichnungen mit breitem Pinselstrich in Gelb und Schwarz, die zwischen großen X-Ornamenten den Blick in die benachbarte Shedhalle freigeben. Dort hat Rieder die Einzelteile eines wiederum entlang seiner Diagonalen zerlegten Kubus aus Pappe zu einer abstrakten Landschaft arrangiert, deren Topografie schön korrespondiert mit den gekippten Fensterbändern des Sheddachs und den samtigen, in Erdtönen gefärbten und rautenförmig gefalzten Japanpapierbahnen an der Wand. Es ist, als stelle Rieder hier eine fiktive Begegnung von Emma Kunz und Hilma Af Klint in Kurt Schwitters’ Merzbau nach. Atmosphärisch dicht und farbensatt liefern ihre Arbeiten einen schönen Link ins Erdgeschoss.

Die zentrale Ausstellung dort ist der US-amerikanischen Künstlerin Marcia Hafif gewidmet, als Teil einer Doppelretrospektive, deren zweiter Teil zeitgleich im Kunstmuseum St. Gallen zu sehen ist. 1929 im kalifornischen Pomona geboren, gehört Hafif mit ihren minimalen, monochromen Bildern zu den einflussreichsten Malerinnen der Gegenwart. Auch wenn sie das weit von sich weist. Sie begreife sich nicht als Malerin, sagt sie, sondern eher als konzeptuelle Künstlerin, die mit Farbe arbeitet. Seit Jahrzehnten erkundet Hafif mit großer Forscherlust deren Wirkung im Verhältnis zu Duktus, Licht und Raum. Dass sie wegen eines Unfalls nicht wie geplant nach Europa kommen konnte, um ihre Ausstellung selbst aufzubauen, sei ihr nicht leicht gefallen, sagt Ines Goldbach, Direktorin des Kunsthauses Baselland. Bislang habe die heute 88-Jährige noch jede ihrer großen Soloschauen persönlich gehängt. Weil jedes Bild in unterschiedlichen Räumen unterschiedliche Qualitäten entfaltet. Das subjektive Sehen vor Ort, die eigene Erfahrung von Raum, Licht und Atmosphäre: tatsächlich sind es solche Faktoren, welche die Essenz ihrer Malerei, dieses einzigartige Changieren der Farbe ausmachen.

In Basel eröffnet Hafifs Retrospektive mit drei pulsierenden „Black Paintings” von 1979, die sie in kurzen, dicken Strichen aus Ultramarinblau und gebrannter Umbra auf der Leinwand gemischt hat. Steht man davor, verliert sich das Auge in den unwahrscheinlichsten, immer neuen Nuancen von Schwarz. Die großformatigen Bilder gehören zu ihren radikalsten Arbeiten. Sie wirken wie Nachbilder jener tiefgreifenden Zäsur, die Hafifs Entscheidung bedeutete, im Alter von 42 noch einmal neu anzufangen. In den 1960er Jahren hatte sie längere Zeit in Rom gelebt und dort in der Tradition des Hard Edge Painting gemalt. Zunehmend interessierte sie dabei die Frage, was genau ein Bild sei. In den 1970ern, nach dem Umzug nach New York, rückte diese Frage ins Zentrum ihrer Arbeit. Sie begann, die Malerei in ihre Einzelteile zu zerlegen, in Pigment, Malgrund, Auftrag und andere materielle oder praktische Grundbedingungen, und entwickelte daraus „The Inventory”, eine in mehreren Serien angelegte, konsequent vom Experiment ausgehende Untersuchung zur Farbe und Struktur des Tafelbildes.

In Basel und in St. Gallen sind wesentliche Gruppen ihres Werks jetzt erstmals in Europa in dieser Dichte zu sehen – neben den berühmten „Black Paintings” so auch die zuletzt entstandenen „Shade Paintings” (2013) mit ihren mit Schwarz abgemischten Farbchoreografien, die dunkelgrundige, in flirrendem Hellblau übermalte Serie „Scumble Blue” (2009) oder 20 schillernde „Glaze Paintings” von 1995, deren intensive Farbbrillanz den Annex des Kunsthauses Baselland in ein seltsam irisierendes Licht zu tauchen scheint. Dass sich Hafif als Künstlerin dennoch nie auf die Arbeit mit dem Pinsel beschränken wollte, belegen in der Doppelretrospektive erhellende Essays über Malerei, serielle Fotoarbeiten und hinreißende Experimentalfilme in Super 8 aus den Siebzigern.     

 

Marcia Hafif.
Kunsthaus Baselland
St. Jakob-Str. 170, Basel-Muttenz.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Zeitgleich: Maja Rieder im UG.
Bis 12. November 2017.

Kunstmuseum St. Gallen
Museumstr. 32, St. Gallen.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 14. Januar 2018.

 

 




Kunsthaus Baselland
Kunstmuseum St. Gallen