29/09/17

Tod des Todes

Im Kunstverein Freiburg denken zeitgenössische Kunstschaffende die Ideen der Moskauer Biokosmisten und des Transhumanismus weiter

von Baharak Omidfard
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Installationsansicht Immortalismus mit Arbeiten von Dominik Sittig, Pakui Hardware, Cécile B. Evans, Ivana Basic und Lina Harmsdorf, Kunstverein Freiburg, Foto: Marc Doradzillo
Jeder Gedanke an die Unsterblichkeit ist zugleich utopisch, kühn und beklemmend. Dennoch begleitet der Wunsch nach einem endlosen Leben den Menschen schon seit Urzeiten. Nahezu alle Religionen beschäftigen sich damit, indem sie ein Leben im Jenseits versprechen. Im Russland nach der Oktoberrevolution entstanden Manifeste, die propagierten, das ewige Leben auf Erden zu realisieren, in der von der Partei gesteuerten atheistischen Sowjetunion wird damit eine Parallele zur religiösen Trans­zendenz aufgezeigt: der Kosmismus.

Die Schau „Immortalismus“ im Kunstverein Freiburg  beschäftigt sich einerseits mit dem historischen Abriss zum Thema Unsterblichkeit im Kontext der frühen Sowjetunion und nähert sich damit den philosophischen Gedanken von Nikolaj Fedorov (1829-1903) an, einem der wichtigsten Vertreter des Kosmismus. Gleichzeitig werden zwei seiner Hauptkomplexe – sein Auferstehungsprojekt und sein Museumsbegriff – dargestellt. Fedorov versteht das Museum als Ort der Auferstehung der Menschheit und den Sieg über den Tod als einzige Aufgabe des Menschen. Hier wird das Leben für jeden, unabhängig von Zeit und Raum, durch Technologien sowie durch soziale und politische Kräfte wiederherstellbar. Andererseits stellt die Schau aktuelle künstlerische Positionen vor, welche die Idee der Kosmisten thematisieren oder sich unabhängig von diesen mit verwandten Fragen etwa des Transhumanismus befassen.

Anton Vidokle (*1965) zeigt im letzten Teil seiner Trilogie „Immortality and Resurrection for All!“ eine unmittelbare Nähe zu den Gedanken Fedorovs. In einem milchig blass beleuchteten Raum wacht eine Mumie auf, reist während des Films durch die Räume, wie in einem Naturkundemuseum, in welchem Skelette von Reptilien, Tieren und Menschen in Glasvitrinen aufbewahrt sind. Gefilmt in der Tretjakow-Galerie und dem Zoologischen Museum in Moskau, der Lenin-Bibliothek und dem Museum der Revolution nimmt die langsam geführte Kamera bildhaft Zitate aus der russischen Kunst und Architektur auf – das schwarze Quadrat von Malewitsch sowie Rodschenkos Raumentwürfe und Symbole der russischen Revolution. Die Schauspieler sind Anhänger Fedorovs; sie rezitieren Texte aus seinen Schriften. Oliver Larics Verfahren, sein Relief „Life Masks“ aus elektronischen Daten und Informationen eines Menschen herzustellen, ähnelt Federovs Idee vom Wiederherstellen des Menschen aus gesammelten Daten und seinem Auferstehungsprojekt. Anknüpfend an antike Skulpturen und angelehnt an die Popkultur modelliert Laric (*1981) Gesichter berühmter Hollywood Stars, welche er aus dem Zusammenführen zahlloser Fotos der Schauspieler generiert. Diese Datei wird dann in 3D gedruckt, in Kupfer in negative Form gegossen und anschließend galvanisiert.

Eine ähnliche Haltung wie Fedorov vertritt Dominik Sittig (*1975), indem er im Schaffensprozess der Kunst und der darin bewahrten Erinnerung einen Widerstand gegen den Lauf der Zeit und das Verschwinden bzw. den Verlust sieht. Sittig kreiert aus Textilien und glänzender Farbe einen Bildkosmos und hinterlässt dabei in seinem runden, reliefartigen Gemälde Handlungsspuren seines Schaffens. In diesem All scheint die Zeit still zu stehen; es gibt weder Anfang noch Ende.    

 

Immortalismus.
Kunstverein Freiburg
Dreisamstr. 21, Freiburg.
Öffnungszeiten: Dienstag, Donnerstag bis Sonntag 12.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 12.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 29. Oktober 2017.


 

 




Kunstverein Freiburg