28/09/17

Jenseits des Authentischen

In einer mit klugem Kalkül verwirrten Doppelausstellung in Bern und Glarus manifestieren sich Gerüchte in Kunst

von Julia Hochstenbach

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Philippe Thomas, Hommage à Philippe Thomas: autoportrait en groupe, 1985 (l.); Philippe Thomas, Jean Brolly, Sujet à discretion, 1985
Gerüchte, diese flattrigen, unverwüstlichen, wohlig niederträchtigen Gebilde, die so mittelalterlich klingen und doch ungebrochen Zeichen unserer Zeit sind: ein wunderbares Thema für eine Ausstellung. Unter dem Titel „Sie sagen, wo Rauch ist, ist auch Feuer“ konzipierten die Kunsthalle Bern und das Kunsthaus Glarus eine Doppelschau, die von strukturellen Parallelen zwischen Kunst und Gerücht ausgeht – im Verschleiern und Erschaffen von Realität etwa, im Schillern der Möglichkeiten, im Offenen und Ungreifbaren. Aspekte, die sich auf die eine oder andere Weise in jedem Kunstwerk finden ließen. Die Kuratoren grenzten die Ausstellungen daher sinnvollerweise klar auf die Gerüchteküche selbst ein: auf jene um das Werk in Glarus, auf jene um den Künstler, der mit Pseudonymen und fiktionalen Konstruktionen spielt, in Bern. Und so trifft man in der Berner Kunsthalle auf ein Sammelsurium aus Filmen, Skulpturen, Bildern, Recherchen, Abhandlungen, Zeitschriften, Texten oder textbasierten visuellen Werken, in dem man sich stundenlang verlieren kann: locker hingestreute, oft ganz schlichte Solitäre, die je einen eigenen kleinen Kosmos an Kunstkonzepten, Autoren-Narrationen, kunstgeschichtlichen Bezügen oder Reflexionen zur Kunstproduktion mit sich tragen. So wie die Pop-Art-Bilder Vern Blosums, ein Stoppschild oder eine Parkuhr. Dem feinen Irisieren des nicht-wirklichen Realismus einfacher Gegenstände fügt sich das Geheimnis um den Künstler hinzu: Blosum wurde zwischen 1961 und 1964 zum Shootingstar der Pop-Art und verschwand dann für immer. Der Künstler entschlüpfte seinem Pseudonym. Damals nahm das New Yorker Museum of Modern Art seine Bilder von den Wänden: vielleicht tat er ja nur so, als sei er ein großer Künstler?

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Reena Spaulings, ohne Titel, 2017
Solcherart absurde Irritationen begleiten beinahe jedes Werk der Ausstellung. Schnell wird deutlich, dass das Spiel mit Fiktion und Wirklichkeit auf die Werke selbst übergeht – nicht nur im Blick des Betrachters. Die Künstlergruppe Bernadette Corporation, selbst mit Plastiken vertreten, gab einer fiktiven, ebenfalls hier ausgestellten Künstlerin den Namen ihrer eigenen Novelle „Reena Spaulings“. Eine Figur dieser Novelle wiederum, Henry Codax, wurde zum Namen eines Künstlers, dessen Identität trotz Mail-Interview und „Entlarvungen“ noch nicht enträtselt wurde. Ähnlich auch sein Werk, das zu den schönsten der Ausstellung gehört: „Silver“, vier quadratische, monochrom silberne Bilder, angeordnet wie ein Fensterkreuz mit vier Fensterscheiben, die Luft und feste Materie vertauschen. Es sind opake, glatte, leere Fenster, deren leichter Schimmer aber wie unter Wasser Verborgenes vermuten lässt, als flüstere das Klare, Glatte, Leere vom Gegenteil seiner selbst. In einer Puppe mit blutig aufgesägtem Schädel, die als Requisit offenbar bereits einige Filme durchlief und hier zum Kunstwerk wird, befragt Puppies Puppies nicht nur den Werkbegriff nach Aspekten wie Inszenierung, Behauptung, Zuschreibung. Ulises Carrións Video „Gossip, Scandal and Good Manners“ lässt eine Frank’n’Furter-ähnliche Figur allein dank einer Spiegelung an seiner Seite zum Zentrum einer kleinen Gruppe werden; mit einfachsten Abläufen, die sich immer wieder im Spiegel verflüchtigen, erzählt Carrión klug und böse von Macht, Erniedrigung und Unterwerfung, die doch nur in diesem Blickwinkel des Spiegels, nur im Gedanken existieren.

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Puppies Puppies, Untitled (portrait of the artist with no brain) (portrait of the artist after brain surgery) (Sylar (Zachary Quinto) brutally kills Isaac Mendez) (Heroes tv show prop) (Duane Hanson–murdered artist), 2017, Fotos: Gunnar Meier
Diese Spiele um Fiktionen ließen sich beliebig erweitern; deutlich macht die Ausstellung jedenfalls einmal mehr – direkt am „Gerücht“ anknüpfend – das große Gewicht des Konzepts in der zeitgenössischen Kunst. Der visuelle Gegenstand verschwindet beinahe unter all den angelagerten Hintergründen, Überbauten und Verwirrungen, die sein Wesen aber erst ausmachen. Und sie erzählt beredt von der Vermischung von Werk und Künstler, Realität und Gedanke, Konzept und Materie – unentwirrbar, schön und ganz nahe an der Realität.   

 

Sie sagen, wo Feuer ist, ist auch Rauch (1).
Kunsthalle Bern
Helvetiaplatz 1, Bern.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Samstag und Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 1. Oktober 2017.

Sie sagen, wo Feuer ist, ist auch Rauch (2).
Kunsthaus Glarus
Im Volksgarten, Glarus.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 14.00 bis 18.00 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 8. Oktober 2017.

 

 

 

 

 




Kunsthalle Bern
Kunsthaus Glarus