20/12/11

Verstrickt und zugenäht

Die Ausstellung Kunst-Stoff befasst sich in der Städtischen Galerie Karlsruhe mit Textilien in der Kunst seit 1960.

von Annette Hoffmann
Thumbnail

Die Ausstellung Kunst-Stoff befasst sich in der Städtischen Galerie Karlsruhe mit Textilien in der Kunst seit 1960. Kunst-Stoff

Kunst-Stoff heißt die aktuelle Ausstellung der Städtischen Galerie Karlsruhe. Aber ist nicht jedes Bild ein Kunststoff, sobald Leinwand oder Nessel bemalt werden? Derart spitzfindig gibt sich die Themenschau nicht, sie stellt Textilien vor allem als autonomes Material vor. Da ist natürlich der unvermeidliche Filz. Aus ihm hat Joseph Beuys seine grauen Anzüge nähen lassen. Aber wie anders ist Robert Morris mit dem Material umgegangen. Morris an Tanz und der Bewegung von Körpern interessiert, hat den dicken roten Walkfilz als Wandgebilde stauen und fließen lassen. Da schwingt etwas von der Lust der Maler mit, Stoffe imaginär üppig in Falten zu drapieren und der des Bildhauers, all das dreidimensional verwirklichen zu können. Franz Erhard Walther hingegen stellte in den frühen 1960er Jahren dem Betrachter Werksätze und Handlungsbahnen zur Verfügung und verwickelte ihn in die Kunstproduktion. In Karlsruhe wirken seine Arbeiten eher museal.

Den Stoff als zweite Haut thematisiert Josephine Meckseper in ihrer Arbeit „Der Demonstrant“ von 2002. Eine bundesrepublikanische Sozialisation spiegelt sich exemplarisch in diesen Stoffvierecken wieder: das rote Palästinensertuch, die Jeans und der Bundeswehrparka. Keine schlechte Camouflage für die Orientierungsphase der Adoleszenz. Und auch Louise Bourgeois reflektiert in „When I was young“ ihre Jugend. Mehrere bereits schadhaft gewordene Gobelins hat sie zu einem Patchwork vernäht, vermutlich stammen sie aus der Restaurationswerkstatt ihrer Eltern. Ein Vogel ist auf einem der Streifen zu erkennen, er weckt Respekt für untergegangenes Kunsthandwerk, erinnert aber auch daran, dass jeder Lebensentwurf irgendwie Flickwerk ist.

Die Sinnlichkeit von Textilien und mithin die Erotik greift Gabriela Oberkofler ironisch-plakativ in ihrer kleinen Skulptur „Verstrickt“ auf. Die Unterleiber eines Stricklieselpaares sind durch eine knallrote Strickschnur miteinander verbunden. Die andere Seite, die Kärrnerarbeit und das Folkloristische, zeigt sich in ihrer Fotografie „Jeden ersten Donnerstag im Monat um halb zwei“. Unter angezeigten Sonderangeboten haben sich mehrere ältere Frauen in einem Otto-Shop versammelt, die in der Runde stricken und häkeln. Sebastian Neubauer hingegen hat Damien Hirsts Hai-Ikone verplüscht. Ein Stofftier ist in Karlsruhe hinter blau getönten Scheiben zu sehen, das den Betrachter freundlich angrinst. Über den spießigen Charme aller Handarbeit hatte sich bereits Rosemarie Trockel lustig gemacht, die zugleich eine frühe Form der Serialität im Gestrickten erkannte. Und natürlich auch Martin Kippenberger, der Schriftzüge wie „Goethestadt“, „New Age“ und Motive wie Ying Yang in Wolle in Badezimmergarnituren knüpfen ließ. Das ist dann die bodenständige Variante dieses Kunststoffes.

Kunst-Stoff. Textilien in der Kunst seit 1960.
Städtische Galerie

Karlsruhe Lorenzstr. 27, Karlsruhe.

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 10.00 bis 18.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 12. Februar 2012.
Städtische Galerie Karlsruhe