25/09/17

Mit Kurt im Forever 27 Club

Im Zeppelin Museum Friedrichshafen beschreitet eine anspielungsreiche Gruppenschau den Weg vom Kult zur Kultur

von Annette Hoffmann

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Halil Altindere, Ballerinas and Police, 2017 (m.), Videostill, Courtesy the artist & Pilot Gallery, Istanbul
Der 8. Juli 1938 war für die Zeppelin-Mitarbeiter in Friedrichshafen ein besonderer Tag. Zu Ehren von Ferdinand von Zeppelin, dessen 100. Geburtstag sich damals jährte, gab es Erbsensuppe mit Würstchen. Eine Eintopfschüssel mit aufgedrucktem Luftschiff und Datum erinnert heute daran. Sie ist zusammen mit anderen Devotionalien und ähnlichem Nippes im ersten Teil der Ausstellung „Kult! Legenden, Stars und Bildikonen“ im Zeppelin Museum zu sehen. Der zweite Teil ist in einem großzügigen Parcours der zeitgenössischen Kunst gewidmet. Man sollte diesen technik- und kulturgeschichtlichen Part nicht links liegen lassen. Er sensibilisiert für die Absichten, die sich hinter derartigen Verklärungen verbergen – Menschen auf eine Gemeinschaft einzuschwören und ihre verschiedensten Ressourcen abzugreifen – und er sensibilisiert auch für die Profanisierungen im Alltag.

Was sich bereits im Kult um den Zeppelin im Erdgeschoss des Museums ankündigt, der letztlich auch eine Form des Markenbrandings ist, setzt sich in den Arbeiten der bildenden Künstler fort. Kult ist heute immer auch Popgeschichte. Und so beginnt die Schau mit der Videoinstallation „Forever 27“ von Josh Kline (*1979) aus dem Jahr 2013. Eine aufgeräumte Journalistin trifft auf einen sichtlich entspannten Kurt Cobain, er habe die Zeit der Welt, flachst er. Cobain, der sich dagegen verwehrt, über seinen Selbstmord zu sprechen, pafft E-Zigarette, trägt perlmuttfarbenen Nagellack und gibt sich ausgesprochen höflich. Kline hat die Videoarbeit mit einem Schauspieler gedreht und dessen Gesichtszüge mit denen des Nirvana-Sängers ersetzt. Das sieht mitunter ein bisschen verrutscht aus, führt aber den Kult um den „Forever 27 Club“ – wie Jimi Hendrix und Amy Winehouse starb auch Cobain im Alter von 27 Jahren – ad absurdum. Candice Breitz (*1972) hingegen fragt in ihrer 16-teiligen Videoarbeit „King (A Portrait of Michael Jackson)“ nach dem individuellen Gewinn von Fans aus der Identifikation mit dem verehrten Star. So bat sie 16 Michael Jackson-Fans, allein vor der Kamera „Thriller“ zu performen. Manche suchten die größtmögliche Ähnlichkeit zum verehrten Objekt, andere zogen robust ihren eigenen Stil durch und setzten die Musik in Bauchtanzbewegungen um. Es sind Bekräftigungen, Erweiterungen oder auch ein Verlassen der eigenen Identität für die Dauer von 5.58 Minuten. Das Posen jedenfalls findet auf dem schmalen Grat zwischen Selbstentblößung und Neuerfindung statt.

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 Kenneth Anger, Airship 1,2010-2012 (r.), Videostill, Courtesy the artist & Sprüth Magers, Berlin

„Kult! Legenden, Stars und Bildikonen“ konzentriert sich im Sinne des hybriden Charakters des Museums nicht allein auf bildende Kunst, sondern bezieht auch Religion und Alltagsgeschichte ein. Der Zeppelin als Bildmotiv und Phänomen fehlt auch hier nicht. Neben einem Palmesel finden sich auch eine Reihe von Votivgaben in Form von Augen und anderen Organen oder Arme und Beine, die Gläubige als symbolische Opfer in Kirchen darbrachten. Benedikt Hipps (*1977) Arbeiten überbrücken zwischen populärer Kultur und Kunst. Unter seinen Werken findet sich ein ähnliches Augenpaar, das auf zwei Nervensträngen sitzt, eine andere Arbeit besteht in einer auratisch aufgeladenen Reihe Gipsabgüsse von Verpackungen von Kinderzahnbürsten, deren Form an prähistorische Idole erinnert. Hipp zeigt, dass das, was einmal Kult war, in der Alltagskultur überlebt hat und so immer noch vorhanden ist. Jeremy Shaw (*1977) amalgiert in seiner Videoarbeit „Quickeners“ Filmmaterial aus den 1960er Jahren über eine Pfingstgemeinde in den USA, die ekstatische Formen der Religiosität hervorgebracht hat, mit Science Fiction-Elementen. Shaw hat über den Originalton des Dokumentarfilm einen Text gelegt, der die jeweiligen Sprecher schwer verständlich werden lässt und sie als Träger eines Syndroms charakterisiert, das diese von der Mehrzahl der Quantum-Humanoiden ausgrenzt, indem es diese mit Gefühlen der Vorfahren konfrontiert. Religion erscheint so gesehen auch nur als Verschwörungstheorie. „Kult! Legenden, Stars und Bildikonen“ ist eine Ausstellung, die zu überraschen weiß. Einzig die Kunst, die das alles auch kennt, ist als Kultform ein blinder Fleck geblieben.      

 

Kult! Legenden, Stars und Bildikonen.
Zeppelin Museum
Seestr. 22, Friedrichshafen.
Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag 9.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 15. Oktober 2017.

 

 

 

 




Zeppelin Museum