21/12/11

Stotternder Motor Fortschritt

Eine Gruppenschau untersucht im Basler Oslo 10 das künstlerische Potential des Avantgardemodells.

von Annette Hoffmann
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Eine Gruppenschau untersucht im Basler Oslo 10 das künstlerische Potential des Avantgardemodells.Oslo 10

Cool ist irgendwie anders. Nicht so schulmeisterlich und erkennbar nah an der Vorlage. „Tropische Pflanze im Regenwald“ oder „Vergänglichkeit + Struktur“ heißen die Pastelle Reto Pulfers, die nun im Oslo 10 eng an eng aneinander gereiht sind. Auf einer Staffelei lehnt gar eine Einladungskarte, die „Porträts im Akt“ im ximo43 ankündigt. Sie ist auf das Jahr 2000 datiert. All das ist von einer eher biederen Ästhetik, die man nicht in einem Ausstellungsraum für zeitgenössische Kunst erwartet. Doch Reto Pulfer, 1981 in Bern geboren und mittlerweile in Berlin lebend, macht nichts anderes, als den Ausstellungstitel „HOTAVANTGARDEHOTHOT“ auf seinen eigenen künstlerischen Werdegang zu übertragen. Indem er diese frühe, epigo-nale Phase als überwunden und sozusagen zur Nachhut erklärt. HOTAVANTGARDEHOTHOT, die aktuelle Gruppenschau im Oslo 10, darf man wohl programmatisch verstehen, ist doch das zweijährige Ausstellungsprogramm von Simone Neuenschwander und Christiane Rekade mit diesem Titel überschrieben. Und etwas Selbstironie braucht es auch, um im Namen der Christoph Merian Stiftung auf dem Basler Dreispitz als Kunstraum die Avantgarde für einen zu entstehenden Stadtteil zu geben.

Die costa-ricanische Künstlerin Adriana Salazar Arroyo hat sich mit ihrem 16mm-Film „Found Cuban Mounts“ auf eine ganz andere Erinnerungsreise begeben. Sie ist im Rückwärtsgang den Weg der Revolutionäre nachgegangen, die 1956 unter der Leitung von Fidel Castro nach Kuba kamen. Die Bilder der Reise werden auf einen Din A4 großen Ausschnitt projiziert, der in einen frei stehenden Metallrahmen eingebunden ist. Der Weg führt an einfachen Hütten vorbei, aber auch an Denkmälern, die die Revolution verherrlichen. Die Bilder scheinen gleichsam zu stottern, Salazar Arroyo verweigert sich der Totalen und fährt die Inschriften so ab, dass sie für den Betrachter nicht lesbar werden. Es ist ein Denkmalsturz, den die Künstlerin hier vornimmt, der grundsätzliche Zweifel an der Revolution und dem Umsturz als Modell für Veränderungen äußert.

Tatsächlich wählen die hier vertretenen Künstler einen anderen Weg. Sie verschränken Zitat und Neufindung, Soziales und Politisches mit Biografischem. Gernot Wieland etwa hat aus mehreren verbrannten Streichhölzern auf einem Sockel das „Relikt einer Nachahmung eines Modells von Tatlins Monument der Dritten Internationalen“ gebaut. Mit dieser Streichholzarchitektur verbindet Wieland zudem den tragischen Verlusts eines Freundes – der wahr oder erfunden – allen Utopien ein eher negatives Ende bescheinigt. Karl Holmqvist hingegen collagiert den Anspruch verschiedener historischer Avantgardebewegungen mit ihrem touristischen Potential hundert Jahre später. So sind auf einer Collage Beispiele modernistischen Designs von Josef Hoffmann zusammen mit einer Eintrittskarte zu sehen, auf der die Wiener Stadtwerke als Sponsor auftreten. Auf einem anderen Blatt bezeichnet er den Futurismus als „world’s only hygenie“ und kombiniert diesen Spruch mit Abbildungen von Stühlen, die Koloman Moser entworfen hatte. Was also muss passieren, damit die Avantgarde nicht ihre Wirkung verliert? Amelie von Wulffen bedient sich für ihre kleinformatigen Aquarelle der Bildsprache von Kinderbüchern aus den 50er Jahren und erzählt Geschichten von skurrilen Werkzeugen und der Bedrohung der häuslichen Idylle durch den Krieg. Absurd mutet auch der Video-Essay „Turbo Sculpture“ von Aleksandra Domanovic an. Die Künstlerin ist mehreren Denkmälern von Hollywood-Schauspielern im früheren Jugoslawien nachgegangen, etwa der Bruce-Lee-Statue in Mostar. Weitere folgten, etwa von Rocky, so als ob der Überdruss an politischer öffentlicher Kunst ganz einer Amnesie und Geschichtsvergessenheit gewichen wäre. Von der Avantgarde ist hier nur ein sinnentleertes Zeichen übrig geblieben. Zeit also für etwas Neues.

HOTAVANTGARDEHOTHOT.
Oslo 10

Oslostr. 10, Basel-Münchenstein.

Öffnungszeiten: Donnerstag bis Samstag 14.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 12. Februar 2012.
Oslo 10