22/08/17

Zwischen Utopie und Baugruppe

Die Ausstellung Together! Die neue Architektur der Gemeinschaft im Vitra Design Museum sucht nach neuen Formen des Wohnens

von Annette Hoffmann
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Apartments with a small restaurant, Tokio, 2014, Naha Architects' Studio, © Naha Achitects' Studio
„Together! Die neue Architektur der Gemeinschaft“ ist keine Ausstellung, die Utopien auf die leichte Schulter nähme. Der gesellschaftliche Kitt des Zusammenseins mag im Titel nicht ohne Ausrufezeichen auskommen, doch beruht es meist weniger auf gegenseitigen Anziehungskräften. Sondern auf Vernunft. Auf finanziellen Gründen. Und auf lang anhaltenden Diskussionen. Etwas vom ernüchternden Ermüdungspotential ahnt, wer in die Dokumentationen im letzten Raum der Ausstellung hineinhört. Dort zeigt sich, dass die Auseinandersetzungen über Fassaden und gemeinsame Gästezimmer immer auch zu Fragen der individuellen finanziellen Situation werden. Wörter wie Baugruppen und Genossenschaften erden jede Utopie.

Dabei ist eigentlich alles ganz einfach: die Weltbevölkerung wächst, einerseits weicht die Natur zurück und mehr und mehr Flächen werden versiegelt. Andererseits verkommen unsere Städte zu reinen Zentren des Konsums. Die Menschen werden älter und damit auch einsamer. Da muss man doch zusammenrücken. Die von Ilka und Andreas Ruby kuratierte Ausstellung „Together! Die neue Architektur der Gemeinschaft“ beginnt mit einer kurzen historischen Einführung, die einen Überblick gibt über Reformprojekte wie die Gartenstädte in England, die 1968er Bewegung, die ganz selbstverständlich den öffentlichen Raum besetzte, und Bauvorhaben wie das Barbican in London. Doch die Ausstellung geht schnell in die gegenwärtige Praxis über. Modelle zeigen, wie zeitgemäße oder künftige Urbanität aussehen könnte. Eines ist das Moriyama House, 2005 in Tokio verwirklicht. Der weiße Kubus besteht aus zehn Einzelquadern unterschiedlicher Größe, die ineinander gefügt sind und individuelle Zugänge zu den Grünflächen haben. Ein anderes die Zürcher Kalkbreite, ein Projekt des Büros Müller Sigrist Architekten, das Wohnen, Arbeiten und Kultur mischt und bei dem auch noch an einen Spielplatz auf dem Dach gedacht wurde. Mal sind die Bewohner eine homogene Gruppe wie beim Basler Musikerhaus mit seinen integrierten Proberäumen, mal sorgen Restaurants dafür, dass die Mieter miteinander kommunizieren. Doch wer es an den idealweißen Modellen nicht erkennt, den überfällt die Wirklichkeit in den simulierten Wohnräumen im Vitra Design Museum. Die neue Architektur der Gemeinschaft hat nur wenig mit unseren Wunschvorstellungen vom Eigenheim zu tun. Man muss sich bescheiden, die Räume sind eher klein, das Bedürfnis nach individueller Ausstattung, Ruhe und Intimität muss ausgehandelt werden. Die Wohnungen des Moriyama House in der Metropole Tokio sind lediglich zwischen 16 und 30 Quadratmeter groß. Und so ist diese sehr inspirierende und umfassend recherchierte Ausstellung eine Achterbahn der Gefühle zwischen Euphorie und Ernüchterung. Da muss man durch.         

Together! Die neue Architektur der Gemeinschaft
Vitra Design Museum
Charles-Eames-Str. 1, Weil.
Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 10. September 2017.


 

 




Vitra Design Museum