23/12/11

Eine Serie für sich. Ein Rundgang über die Regionale in Freiburg

Nicht verpassen: bis zum 8. Januar 2012 ist die Regionale im Kunsthaus L6 und im Kunstverein Freiburg zu sehen.

von Dietrich Roeschmann
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Nicht verpassen: bis zum 8. Januar 2012 ist die Regionale im Kunsthaus L6 und im Kunstverein Freiburg zu sehen.7629kv3.jpg

Es hat etwas Trauriges: An der Freiburger Schwarzwaldstraße, kurz bevor die Tram Richtung Endhaltestelle abbiegt, steht ein hell erleuchteter Schaukasten am Trottoir. Früher hat hier ein Möbelladen seine besten Stücke präsentiert, für die Autofahrer, die an der Ampel warten mussten. Doch das ist schon lange her. Heute fehlen in dem Häuschen die Schaufensterscheiben und der weiß getünchte Raum steht leer. Nur aus der Decke fällt durch ein Loch der beige-farbene Schlauch eines Hotelwandföns aus den Achtzigern. Seit Wochen schon pustet das Gerät heiße Luft in die Umwelt, Tag und Nacht, bei Regen, Eis und Schnee. Es müht sich hörbar, doch wärmer geworden ist es trotzdem nicht. Nicht ein Grad.

Natürlich könnte man in dieser Installation, die der Zürcher Stefan Burger (*1978) im Open-Off-Space „Setzkasten“ des Freiburger Künstlerprojekts plan_b eingerichtet hat, eine knackige Metapher auf den allgemeinen Zustand der Gegenwartskunst oder des Kunstmarkts sehen: Alles heiße Luft! Aber das würde Burgers Arbeit ihrer eigentlichen Poesie berauben. Tatsächlich geht es hier nicht um die schnelle Pointe auf Kosten der Kunst, sondern um eine dauerhafte Performance von Vergeblichkeit. Burger Installation kommt so beiläufig daher, dass die meisten Passanten sie nicht einmal bemerken. Und selbst die, die es tun, bleiben nur selten stehen, obwohl sie sich bei Außentemperaturen um die Null Grad hier eine warme Brise abholen könnten. Weniger kann Kunst eigentlich kaum erreichen, aber gerade die Hartnäckigkeit und der subtile Humor, mit dem der Künstler ihr Scheitern an einer lärmigen Kreuzung zweier Ausfallstraßen ausstellt, machen seine Arbeit zu einer charmanten Hommage an ihre Zweckfreiheit.

Stefan Burgers Installation ist Teil eines Außenprojekts der diesjährigen Regionale, das von Leon Hösl und Nikolaus Bischoff kuratiert wurde. Das Duo, das gleichzeitig auch die Regionaleschau „I did it again“ im Freiburger Kunsthaus L6 eingerichtet hat, gewann dafür neben Burger den 1983 in Colmar geborenen Filmemacher Clément Cogitore, der auf dem Basler Dreispitz seine Videoarbeit „Travel(ing)“ im Außenraum präsentiert sowie die jungen Künstler Kriz Olbricht (*1986) und Sebastian Dannenberg (*1980) – beide Studierende an der Freiburger Außenstelle der Karlsruher Akademie für Bildende Künste –, die mit ihrer Installation „LUCY“ an der Betonstirnwand der Kunsthalle Mulhouse ihre ganz eigene Interpretation des von Sigmar Polke überlieferten Kunstbefehls obskurer höherer Wesen platziert haben.

Diese von Hösl und Bischoff lancierte Erweiterung der Regionale in den trinationalen Außenraum spiegelt auf schöne Weise die zunehmende Kohärenz, mit der sich das aus der traditionellen Basler Weihnachtsausstellung hervorgegangene Format inzwischen präsentiert. Auch die letztjährige Entscheidung, die Regionale nicht länger in einem komplizierten Jurierungsverfahren auszuknobeln, das sich strikt auf die eingesandten Künstlerdossiers bezog, sondern den Kuratoren-Teams mehr Freiheit in der Auswahl der Positionen zuzugestehen, hat der Regionale gut getan: Noch nie gab es bei dieser grenzüberschreitenden Leistungsschau so viele überzeugende Ausstellungen wie in diesem Jahr.

Stille Übereinkunft von serieller Kunst und Appropriation Art
In Freiburg sind über den Jahreswechsel noch zwei lohnende Regionale-Schauen zu sehen, nachdem die Carte Blanche für sechs französische KünstlerInnen im T66 bereits vor Weihnachten schloss. Die Gruppenschau „I did it again“ im Kunsthaus L6 zeigt Arbeiten von einem guten Dutzend Kunstschaffender, die sich mit der Frage nach dem Wert des Einzelwerks, seiner Reproduzierbarkeit und dem Prinzip der Serie auseinandersetzen. Ausgehend von vier kleinformatigen Gemälden aus der Endlos-Serie „Tag um Tag guter Tag“, in der Peter Dreher (*1932) seit vier Jahrzehnten ausgerechnet in der Wiederholung die Unmöglichkeit der Wiederholung vorführt, stecken Leon Hösl und Nikolaus Bischoff hier einen inspirierenden und denkbar kurzweiligen Parcours zum Thema ab, der so unterschiedliche Arbeiten versammelt wie Andreas von Ows (*1982) wunderbar zarte, monochrome Malerei-Serie mit Asche-, Staub- oder Kurkuma-Pigmenten und Jan Kiefers (*1979) raumgreifende Installation „7 ways to sculpt“, für die der Basler seine täglichen Wege durch die Stadt in den Routenplaner von Google-Maps eingab, um sie dann aus blauem Stahlrohr zu menschengroßen Skulpturen nachzubiegen. Nicht weniger autobiografisch ist auch die Fotoserie „easyJet (or 3 Dimensional Masses in the State of Movement)“ der Baslerin Sophie Jung (*1982) motiviert. Während des monatelangen Pendelns zwischen ihren zeitweiligen Wohnorten Basel und London begann Jung irgendwann, vom immer gleichen Sitz im Flugzeug aus, den Himmel zu fotografieren, in dessen Ausschnitt jeweils die Flügelspitze mit dem EasyJet-Logo ragt. Der Clou: Nicht ein einziges Logo gleicht hier farblich dem anderen. Nichts, so scheint es, abotiert die Vorgaben des Corporate Designs so gründlich, wie die Fotografie.

Im Obergeschoss des L6 erkundet die Ausstellung die stille Übereinkunft von serieller Kunst und Appropriation Art. Während Simon Krebs für seine „re-drawings“ kalauerhafte Wandzeichnungen vom Akademieklo 1:1 mit Filzstift auf Papier kopiert hat, macht Frank Altmann Kunst aus Plastiktragetüten vom Supermarkt. Für seine Installation „abstrakt08“ hat er aus den Taschen rund 40 Kleinformate à 24 x 36 mm herausgeschnitten und in Diarahmen gesetzt, die von drei Projektoren nun simultan als pseudo-modernistischer Loop an die Wand projiziert werden. Selten kommen sich LIDL und Kandinsky so nahe.

Der junge Basler Pedro Wirz (*1981) arbeitet sich in seiner Serie „wert = wert * wert“ dagegen an ganz real existierenden Größen der Kunstgeschichte ab. Mit Buntstift auf DIN A5-Papier zeichnet er Postkartenklassiker von Picasso, Mark Rothko oder Olivier Mosset ab, um die handgemachten Kopien dann wiederum als Unikate aufwendig zu rahmen. Aus dem Original wird ein Fake, der plötzlich zum Original mutiert. Um die Verwirrung komplett zu machen, hat Wirz drei seiner Motive auf A1 drucken lassen, die nun in 30er-Edition käuflich zu erwerben sind – vom Künstler höchstpersönlich signiert und nummeriert, versteht sich.

Von der Notwendigkeit der Referenz
Thematisch etwas offener gehalten, aber durch viele gute Arbeiten nicht weniger überzeugend, präsentiert sich die aktuelle Regionale-Schau im Freiburger Kunstverein. Unter dem Motto „Information und Erfahrung“ spüren Direktorin Caroline Käding und die Kuratorinnen Anne Schreiber und Manuela Würzburger hier der Frage nach, welchen Einfluss die durch Medien und Internet veränderten Wahrnehmungsbedingungen heute auf den künstlerischen Produktionsprozess haben. Den glamourösen Nummernboy zum Thema liefert Marco Schulers „Demon“, der hier als Blickfang von der Hallendecke schwebt: es ist der simple Hartschaumplot eines 3-D-Scans, den der 39-Jährige von seinem eigenen Körper angefertigt hat – schwarz glänzend lackiert aber wirkt er wie eine futuristische High-Tech-Version von Walter Benjamins Engel der Geschichte. Vom Paradies angezogen und der Zukunft den Rücken zugewandt, erblickt Schulers Demon-Engel hier allerdings nicht die Katastrophen der Vergangenheit, sondern jede Menge schöne, absurde, ironische oder poetische Repräsentationen einer technologisch durchorganisierten Gegenwart. Da thront dann auf einem Sockel gleich am Eingang ein Stapel pastellbunter Wolldeckchen, die Sophie Jung – auch hier zu Gast – zusammen mit ihrer Oma nach Vorlage eines binären Pixel-Codes aus der Digitalfotografie gestrickt hat. Daneben präsentiert die Basler Künstlerin Bianca Hildenbrand (*1984) einen selbstgebauten Computer, der per Druck auf klobige Tasten und Drehen an wackligen Kurbeln wunderbar dilettantische Resultate eines D.I.Y.-Malprogramms ausspuckt. Und während der Franzose Jean-Jacques Dumont (*1956) einen Eimer am Strick wie einen Luftballon vom Boden aus im Raum schweben lässt, um in der Illusion der Schwerelosigkeit das Verhältnis von Information und Erfahrung auf den Kopf zu stellen, erkunden Ji-Sook Min (*1973) und die in Mexiko geborene Claudia le la Torre (*1986) in ihren Arbeiten das poetische Potenzial dieser Beziehung. Ausgehend von einem Lexikon aus den 1950er Jahren, das den nahezu unmöglichen Versuch unternimmt, jede Farbe, die eine eigenen Namen trägt, ohne Referenz auf andere Farben zu beschreiben, zeigt de la Torre auf der Galerie eine Sound- und Bildcollage, die einen geradezu hypnotischen Sog entwickelt. Die in Strasbourg lebende Künstlerin Ji-Sook Min hingegen verzaubert durch die bedingungslose Durchschaubarkeit der Illusionen, die sie erzeugt. Der Regenboden etwa, den sie mit einem einfachen Diaprojektor, dessen Licht sich in einem Prisma bricht, an die Wand im Treppenaufgang wirft, macht kein Hehl daraus, dass er sich einer simplen Konstruktion verdankt, die schon Fünftklässler im Physikunterricht beherrschen. Seine eigentümliche Magie büßt er dadurch trotzdem nicht ein. Ebenso wenig, wie die Taube, die Ji-Sook Min per Super-8-Loop an einen schmalen Pfeiler auf der Galerie projiziert. Unscheinbar pickt und trippelt sie dort in Bodennähe herum. Im Bildausschnitt ist nichts als ihr unruhiger Körper in permanenter Bewegung zu erkennen, die sich nach und nach als betörende Performance des wohl immer noch kürzesten Weges zwischen Information und Erfahrung erweist – des tierischen Instinkts.

Regionale 12: Information und Erfahrung.
Kunstverein Freiburg

Dreisamstr. 21, Freiburg.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 12.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch bis 20.00 Uhr.
Bis 8. Januar 2012.
Kunstverein Freiburg

Regionale 12: I Did It Again.
Kunsthaus L6

Lameystr. 6, Freiburg.
Öffnungszeiten: Donnerstag und Freitag 16.00 bis 19.00 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 8. Januar 2012.

Regionale 12: Stefan Burger Außenprojekt. Setzkasten,
Schwarzwaldstr. 143, Freiburg.
Öffnungszeiten: Täglich 6.00 bis 0.00 Uhr.
Bis 8. Januar 2012.
Kunsthaus L6

Weitere Informationen zu den Regionale-Ausstellungen in Basel, Liestal, Mulhouse, Strasbourg und Weil am Rhein sowie den Regionale-Außenprojekten unter Regionale