26/06/17

Testflug nach Utopia

Der argentinische Künstler Tomás Saraceno arbeitet im Zürcher Haus Konstruktiv an einem extraterrestischen Leben

von Yvonne Ziegler

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Tomás Saraceno, Aerocene, launches in White Sands, (New Mexico, United States), 2015
Während weltweit Ressourcen verschwendet werden und sich das Klima ändert, finden sich Künstler, Naturwissenschaftler und Aktivisten zusammen, um Utopien für ein nachhaltiges Leben in der Luft zu entwickeln. Dass bereits erste Erfolge zu verzeichnen sind, offenbart eine große Einzelschau des argentinischen Künstlers Tomás Saraceno (*1973) im Zürcher Haus Konstruktiv.

Gleich im ersten Raum wird deutlich, dass nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit ein großes Ereignis vonstattengegangen ist: Ein Mensch schwebte erstmals mit Hilfe eines von Saraceno und einer Wissenschaftsgemeinschaft entwickelten Flugkörpers ohne Einsatz von Treibstoffen drei Stunden lang in der Luft. Auf einem Foto an der Wand sieht man, wie der Körper den Boden verlässt. Auf dem Podest daneben liegt ein Foto des Fußabdrucks von Neil Armstrong, den er auf dem Mond hinterlassen hat. Sein berühmter Satz „Ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Schritt für die Menschheit“ erhält eine Neuauflage. Saraceno arbeitet seit einigen Jahren am „Aerocene Project“. Basierend auf einem Wetterballon, den das französische Zentrum für Weltraumforschung 1971 entwickelt hat, schafft er große kugelförmige Sphären, die zur Hälfte aus transparentem und aus silbrig spiegelndem Material bestehen. Bändigt man sie mit einem Netz und füllt sie mit Luft, so dass die Sonne die Luft im Innenraum erhitzt, beginnen die Sphären wie Fesselballons zu schweben. Von der Leine gelassen können sie in einem tageszeitlichen Auf und Ab die Erde umrunden. Sie werden allein vom Sonnenlicht und dem nachts von der Erde abgestrahlten Infrarotlicht aufgeheizt und lassen sich von der Thermik treiben. Für eine effektive Reise sind sie nicht gemacht, vielmehr tauchen sie in die kosmisch-irdischen Zusammenhänge ein und lassen mit ihrer hell schimmernden Materialität und der Kugelform, die nicht zuletzt an Seifenblasen denken lässt, einen entschleunigten nachhaltigen Lebensmodus erahnen. Der Menschheitstraum des autonomen Fliegens ist nahe: fortschrittlich und gelassen zugleich.

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Tomás Saraceno, Aerosolar Journeys, Ausstellungsansicht Museum Haus Konstruktiv, 2017, Foto: Stefan Altenburger
Im gleichen Raum hängt ein Aerocene Explorer Kit an der Wand, das aus einem faltbaren Stoffumschlag, dem zusammengeknüllten Tetraederflugobjekt, mehreren Messinstrumenten, einem Minicomputer und einer Anleitung besteht. Man kann im Haus Konstruktiv ein weiteres Modell ausleihen und fliegen lassen, um am Gesamtprojekt teilzunehmen und dieses mit den eigenen in der Luft gesammelten Daten zu speisen. Auf der Website lässt sich außerdem die Bauanleitung herunterladen, um eine eigene Aerocene Sculpture zu bauen. Es ist Teil von Saracenos künstlerischem, auf Zusammenarbeit und Gemeinschaft beruhenden Konzepts, das Wissen zu teilen, neue Erkenntnisse zur Verfügung zu stellen und andere zum Mitmachen aufzufordern. Schritte auf dem Weg zur Realisierung von Utopien.

 

In den oberen Stockwerken richtet Saraceno unseren Blick auf die großartigen Strukturen, Systeme und Zusammenhänge von mikroskopischen und makroskopischen Dimensionen. Da ist zum einen eine große Einzelgängerseidenspinne in einem offenen Kubus, die in die gesponnenen Netze von gemeinschaftlich lebenden Spinnen ihr eigenes baut. Nur von einem Licht erhellt schimmert ihr Körper metallen im ansonsten gänzlich dunklen Raum. Gleichzeitig werden die Netzvibrationen, die durch die Besucher und die Spinne ausgelöst werden sowie der im Licht tanzende kosmisch-irdische Staub in Sound und als Projektion umgesetzt. Alles ist Teil eines vernetzten Ganzen. Schließlich begegnet man auf der Rückseite der Installation einer Projektion der Großen Magellanschen Wolke. Man sieht Millionen von Lichtern, vor 163.000 Lichtjahren vergangen, Spuren eines Einst, und man wird gewahr, dass die Erde ebenfalls nur ein kleiner Partikel dieses Universums ist, und dass sie neben den vom Menschen verursachten Zerstörungen auch Teil eines viel größeren unkontrollierbaren Prozesses ist. Was wie Stillstand wirkt, ist in raumzeitlichem Fluss.      

 

Tomás Saraceno: Aerosolar Journeys.
Haus Konstruktiv
Selnaustr. 25, Zürich.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 11.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 3. September 2017.

Zur Ausstellung in Kooperation mit dem Wilhelm-Hack-Museum Ludwigshafen erscheint ein Katalog: Tomás Saraceno, Aerocene, Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2017, 108 S., 36 Euro | ca. 48.90 Franken.

 

 

 




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