22/06/17

Historische Größen

In ihrer Einzelschau im Zürcher Migros Museum geht Maja Bajevic dem Verhältnis von Regieren, Macht und Arbeit nach

von Annette Hoffmann
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Maja Bajevic, Arts, Crafts and Facts (income of Top 1%, Productivity, Average Wages ), 2015, courtesy the artist and Galerie Peter Kilchmann
Maja Bajevic greift sich in die Haare und löst ihren Zopf. Sie beginnt ihr halblanges brünettes Haar zu kämmen. Sie trägt unter der dunklen Weste eine weiße Bluse, ihr Auftreten ist streng, aber eben doch nicht so harsch, wie man es von Marina Abramovics Videoperformance aus dem Jahr 1975 „Art must be beautiful, Artist must be beautiful“ in Erinnerung hat. Auch Bajevic spricht, während sie mit dem Kamm immer wieder durch die Haare fährt. „Art has to be national“ wiederholt sie unzählige Male bevor sie die Haare zum Zopf zusammenbindet und ihn zu einem Dutt befestigt. Bajevic wurde 1967 in das sozialistische Jugoslawien hinein geboren, das in den 90er Jahren bekanntlich kollabierte. 1991 ging Bajevic nach Paris, um dort ihr Kunststudium fortzusetzen. Mittlerweile lebt sie in Paris und Sarajevo. Wer wie Bajevic den Zusammenbruch eines Staates erlebt hat, weiß um die zweischneidige Kraft des Nationalen, doch Bajevic ist sich auch bewusst, dass sie auf der Pionierarbeit einer Performancekünstlerin wie Abramovic aufbaut und wie ambivalent dieses Erbe sein kann.

Im Titel ihrer Einzelschau im Zürcher Migros Museum für Gegenwartskunst „Power, Governance, Labor“ klingt diese politische Sozialisation an, die durch die neoliberale Disposition der Gegenwart überlagert wird. Die Neonschrift „Liberté pour les Libres/Égalité pour les Egaux/Fraternité pour les Frères“ begrüßt die Besucher ihrer Ausstellung, sie spiegelt den Zustand Frankreichs 2017 wider: die Das-Boot-ist-voll-Mentalität, die Saturiertheit und die Abschottung gegenüber Bedürftigen. Bajevics Werke sind gleichermaßen geprägt durch eine Bedeutung von Arbeit, die man nicht mit Nostalgie verwechseln sollte und deren Veränderung durch einen globalisierten Markt.

Ihr Film „Arts, Crafts and Facts“ knüpft an die Tradition des politischen Lehrstückes im Sinne Bertolt Brechts an. Ein Chor singt in einer Textilfabrik von der weltweiten Kontrolle der Getreidepreise, von der Beziehung zwischen dem verstärkten Auftreten von Ebola in Afrika und den stabil bleibenden Preisen für Schokolade. Derweil stehen Frauen an großen Webstühlen oder fassen Fäden für die traditionelle Hohlsaumstickerei zusammen. Die Maschinen rattern mechanisch, die Arbeiterinnen geben das Bild emsiger Betriebsamkeit ab.

Arbeit ist bei Maja Bajevic eine komplexe gesellschaftliche Größe. Da klingt noch etwas vom sozialistischen Pathos durch, vom individuellen Stolz auf die eigene Leistung, aber auch Ernüchterung. Ihre Arbeit „To be continued – Steam Machine“ schreibt Slogans und Parolen wie „Better dead than red“ oder „Things are only getting better“ mittels einer Dampfmaschine und einem Projektor in die Luft, um nach einer Weile wieder zu verschwinden. Wer wollte sich darauf verlassen. Bajevic lässt in ihren Arbeiten Widersprüche stehen und löst sie nicht auf. Sie sammelt historische Quellen, collagiert mentalitätsgeschichtliches Material zum Kalten Krieg oder nimmt ikonische Arbeiten der Performancegeschichte als Referenz, um diese neu zu interpretieren.

Die andere Seite dieser Ambivalenz ist die Bigotterie, die sich vor allem in religiös geprägten, patriarchalischen Gesellschaften findet. In ihrer Videoarbeit „Double Bubble“ von 2001 sieht man die Künstlerin einen Hausflur betreten, ein Treppenhaus oder sich auf das Parkett setzen. „Ich befreie Menschen von ihren Sünden. Sie geben mir Geld“, sagt sie, oder: „Ich esse kein Schweinefleisch und trinke nicht während des Ramadans. Aber ich nehme Ecstasy.“ Sie beschreiben eine Gesellschaft, in der sich jeder seine eigenen Gesetze macht.  

 

Maja Bajevic: Power, Governance, Labor.
Migros Museum für Gegenwartskunst
Limmatstr. 270, Zürich.
Öffnungszeiten: Dienstag, Mittwoch, Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 20.00 Uhr, Samstag und Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 13. August 2017.

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: JRP/Ringier, Zürich 2017, 200 S., 40 Euro | ca. 48 Franken.

 

 

Foto:

Maja Bajevic, I Believe More in Horoscope Than in Nationalities, 2006/17 (l.), Ausstellungsansicht Migros Museum Zürich, Foto: Lorenzo Pusterla; How to Explain the World to the Martians (Chapter III: Women), 2017 (m.); Arts, Crafts, and Facts (Income of Top 1%, Productivity, Average Wages), 2015 (o.r.); Double Bubble, 2001 (u.r.), Videostill, Courtesy the artist & Galerie Peter Kilchmann, Zurich




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