03/06/17

Auf klandestine Weise sichtbar

Trevor Paglen klärt in der Kunsthalle Winterthur über die Tätigkeit von Geheimdiensten auf

von Annette Hoffmann

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Trevor Paglen, National Security Agency, Ft. Meade, MD; National Reconnaissance Office, Chantilly, VA; National Geospatial-Intelligence Agency, Springfield, VA, 2014, Courtesy of the Artist and Metro Pictures, New York

Eine Karte der ostfriesischen Inseln ist so ziemlich das Letzte, was man in einer Ausstellung Trevor Paglens erwartet. Familien und Naturfreunde machen hier Urlaub, aber was suchen investigative Künstler wie Paglen (*1974) dort? Der in Berlin lebende Amerikaner hat die Karte mit zahlreichen Listen und Decknamen überzogen, Stecknadeln gepinnt, dazwischen kleben Fotos vom Meer und einem einsamen Windsurfer. Es ist nur vermeintlich ein Idyll. Paglen dokumentiert eine Reihe von Unterwasserkabeln, wer sie gelegt hat und in welchem Jahr, wem sie gehören, wohin sie führen. Es sind Kabel, die Überwachungsdienste nutzen. Auf einem WikiLeaks-Dokument sind europäische Unternehmen benannt, die für die Rüstungsindustrie arbeiten, indem sie etwa Zünder herstellen oder relevante Chemikalien produzieren. Anders als Journalisten bindet Trevor Paglen seine Rechercheergebnisse nicht in eine Narration ein, sie stehen beziehungslos nebeneinander und verlangen dem Betrachter in der Kunsthalle Winterthur einiges an Wissen und Kombinatorik ab.

Paglen kartografiert eine Meta-Ebene unserer Wirklichkeit, von der man annimmt, sie wäre gerne unsichtbar. Doch ist das wirklich so? Was an Paglens Arbeiten immer wieder überrascht, ist die Offensichtlichkeit, mit der hier abgehört, ausgehorcht, mitunter auch verschleppt wird. Es ist nicht zuletzt das Licht, das Paglen zu Abhörstationen und Spionagesatelliten führte. Die Tätigkeit mag klandestin sein, doch im Dunkeln kann sie nicht vonstattengehen und sie verbraucht viel Energie. Abhörstationen und Spionagesatelliten leuchten in die Nacht. Und dann ist da noch der ganze Schriftverkehr, Protokolle über den Fall des von der CIA gekidnappten Khaled al-Masri, über die angeordnete Zwangsernährung, die offensichtliche Verwechselung. Eine der Arbeiten, die jetzt in der Einzelschau „Deep State“ gezeigt wird, ist das Video „Circles“ von 2015. Von einem Helikopter aus hat Paglen das ringförmige Government Communications Headquarter in Cheltenham gefilmt. Es weist eine geradezu ikonische Architektur auf, die den Spitznamen Doughnut bekommen hat. Die ganze Infrastruktur, die sich um diese Architektur ausgebildet hat, von den Parkplätzen bis hin zu den Zufahrtsstraßen, orientiert sich an der kreisförmigen Form des Gebäudes. Simon Denny hat eine solche Architektur einmal als Absichtserklärung interpretiert, keine Ecken zuzulassen, in denen man sich verstecken könnte. Paglen ist bei seinen Recherchen auf weitere Widersprüche gestoßen. Der ausgeprägte Korpsgeist, der bei Geheimdiensten herrscht, will gesehen werden und drückt sich in selbst entworfenen Abzeichen aus, auf denen etwa Kraken unter dem Motto „Nothing is beyond our reach“ die ganze Welt umarmen.         

 

Trevor Paglen
Kunsthalle Winterthur
Marktgasse 25, Winterthur.
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 12.00 bis 18.00 Uhr, Samstag 12.00 bis 16.00 Uhr.
Bis 9. Juli 2017.

 

 




Kunsthalle Winterthur