17/01/12

Haha mit Kunst

H. R. Fricker ruft im Kunstmuseum Thurgau in Warth dazu auf, die Wohnzimmer dieser Welt zu erobern.

von Florian Weiland
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Eine neue Kunstrichtung war geboren! H. R. Fricker rief 1984 mit dem gebotenen Ernst den Tourismus zur neuen Kunstform aus. Er folge konsequent auf den Dadaismus und den von Joseph Beuys geprägten Fluxismus. An den Ausstellungsbesucher der Kartause Ittingen ergeht die Aufforderung: Bitte den Touristen füttern!

Das Kunstmuseum Thurgau zeigt eine umfassende Retrospektive des 1947 in Zürich geborenen Konzeptkünstlers, der zu den unkonventionellsten Persönlichkeiten der Kunstszene gehört. Neben frühen Fotoarbeiten und illegal in den Stadtraum gehängten Kleinplakaten wird ausführlich auf seine in die ganze Welt versandten Beiträge aus der Mailart- und Networkerszene eingegangen. Der Schweizer zählt zu den weltweit bedeutendsten Künstlern auf diesem Gebiet. Um das Jahr 2000 verwandelt Hans Ruedi Fricker die Berggasthäuser rund um den Säntis ins Alpstein-Museum. Auch diese Aktion wird in der Ausstellung dokumentiert.

Fricker arbeitet mit Schrift und Sprache und bedient sich dabei der verschiedensten Kommunikationsstrategien, um Irritationen auszulösen. Alles wird mit allem verknüpft, oder treffender: vernetzt. Die Künstlerkollegin Anna Blume begegnet uns in Form des Anagramms „Menu Banal“. Mathias Kuhn verwandelt sich in den Slogan „Haha mit Kunst“ – ein Motto, das für die gesamte Ausstellung stehen kann. Mit Stempeln verkündet Fricker seine Botschaften an allen möglichen und unmöglichen Orten. Auf einen Stein wird, ein typisches Beispiel, das Wort „Auslöser“ gestempelt – und löst damit im Kopf des Betrachters etwas aus. Fricker setzt auf eingängige Schlagwörter und formelhaft verkürzte Sätze, die sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung ziehen. Er ist ein Meister der minimalen Kommunikation. In zahlreichen Arbeiten verwendet er bearbeitete oder gleich ganz gefälschte Briefmarken. Diese alternativen Postwertzeichen, zunächst mit dem Fotokopierer, später am Computer gestaltet, werden zum Träger politischer Botschaften etwa zur Asyl- und Frauenpolitik oder zur Lage in Südafrika – und, indem Fricker eine seiner Briefmarkenserien mit den Buchstaben des Alphabets bedruckt, zum Angebot an den Nutzer, eigene Botschaften zu formulieren.

Begegnungen im realen Raum
Der Einfluss von Joseph Beuys und seiner sozialen Plastik, aber auch von Marcel Duchamp ist im Werk des Schweizer Künstlers deutlich zu spüren. Auch auf andere Größen der Kunstgeschichte wird verwiesen. 1980 entsteht eine Polaroidfotografie mit dem Titel „In die Nacht schauend, an Malewitsch denkend“. Das Bild des nächtlichen Himmels zeigt nur ein schwarzes Quadrat. Es ist ein Bild der Dunkelheit und zugleich eine zum Schmunzeln anregende Hommage an Kasimir Malewitsch, der mit seinem 1915 entstandenem Bild „Schwarzes Quadrat“ die Malerei zu einem radikalen Nullpunkt zurückgeführt hatte.

Fricker greift mit seinen Projekten bevorzugt in den öffentlichen Raum ein. Und so ist die von ihm propagierte Kunstrichtung des Tourismus vor allem mit Blick auf Begegnungen im realen Raum zu verstehen. Der Künstler sei „damned to be a tourist“. Seine Arbeit bestehe im Reisen und im Austausch. Interaktion wird groß geschrieben. Um die Orientierung im Zeitalter des Tourismus zu erleichtern, hat der Künstler, der bereits 2002 den Konstanzer Kunstpreis erhielt, die wichtigsten Orte in die Stadtpläne von Bregenz, St. Gallen und Zürich eingezeichnet. Da gibt es einen Ort der List und einen Ort der Lust, einen Ort der Scham und einen Ort Ironie. Womit wir beim entscheidenden Stichwort angekommen wären. H.R. Fricker gibt uns nicht zuletzt eine wunderbar ironisch-hintersinnige Lektion in Sachen Kunstvermarktung, die ihren Höhepunkt in einem Kunst-Shop hat, der einen ganzen Ausstellungsraum einnimmt. Hier kann der Kunstfreund Aufkleber, Postkarten, Pins, Bilder, ja sogar Schokolade und vieles mehr für wenige Franken erstehen. Auf allen Artikeln prangen die Textbotschaften des Künstlers. Vom „Goldenen Kalb“ und dem daraus abgeleiteten Anagramm „Denk es global“ bis hin zu tiefschürfenden Einsichten wie „Lob tut gut“ oder „Mein Schatten ist mein Graffiti“. Zudem gibt es unzählige „Ortsschilder“ im Angebot. Die umfangreiche Produktpalette findet, erzählt Museumsdirektor Markus Landert (das Anagramm seines Namens lautet, wie H. R. Fricker herausgefunden hat, übrigens „Der Kunstalarm“), reißenden Absatz. Die Ausstellungsbesucher tragen Frickers Botschaften hinaus in die Welt. Das Ziel seiner neuen Kampagne „Erobert die Wohnzimmer dieser Welt!“ ist damit erreicht.

H.R. Fricker: Erobert die Wohnzimmer dieser Welt!
Kunstmuseum Thurgau

Kartause Ittingen, Warth.

Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 14.00 bis 17.00 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 15. April 2012.
Kunstmuseum Thurgau