22/05/17

Schock der Offenheit

Das Projekt „Site visit” im Kunstverein Freiburg fragt nach neuen Möglichkeiten der institutionellen Auseinandersetzung mit Kunst

von Dietrich Roeschmann

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Lukas Quietsch, Philipp Simon, Foto: Marc Doradzillo
Mittlerweile sind die Spuren nicht mehr zu übersehen, die die Künstlerinnen und Künstler in den vergangenen zwei Monaten im Kunstverein Freiburg hinterlassen haben. Im Entrée liegen immer noch die zerborstenen Kohlebrocken, die New Noveta bei ihrer grandios übersteuerten Eröffnungsperformance in den Raum geschleudert haben. Wie auf Methamphetamin irrten die beiden Künstlerinnen aus London in schwarzen Gewändern und verschmiertem Gothic-Make-Up durch die Ausstellungshalle, vertäuten Bergsteigerseile an Ösen in den Wänden, die sie dann in einem zweiten Irrlauf mit Scheren kappten wie Parzen die Lebensfäden. Vom dröhnenden Bass mit flatterndem Hirn an den Rand der Desorientierung getrieben, dürften die meisten im Publikum dennoch geahnt haben, dass diese Performance etwas Programmatisches hatte. Man könnte es vielleicht so sagen: Kunstvereinsdirektor Heinrich Dietz lud das Performance-Duo New Noveta ein, um symbolisch das Band der Geschichte zu durchtrennen, in der sich der Kunstverein unter wechselnden Leitungen in den vergangenen Jahrzehnten als ein verlässlicher Ort zeitgenössischer Kunst etablieren konnte. Das Online-Archiv erzählt – ähnlich wie die Archive vergleichbarer Häuser weltweit – von einem soliden Ausstellungsryhthmus mit vier bis fünf Schauen pro Jahr, mal solo, mal Gruppe, flankiert von Führungen, Kinderprogrammen und Talks, gerahmt von Aufbau und Abbau – und mit langen Phasen dazwischen, in denen das Neonlicht unter der Decke sirrt und die Kunst für Stunden allein in der weiten Halle steht, nur für sich, während draußen der Verkehr vorbeirauscht.

Doch damit ist nun vorerst Schluss. Henrich Dietz – seit Herbst 2016 im Amt, bis vor Kurzem aber noch mit der Organisation des Übergangs beschäftigt – hat sein eigenes Programm nun mit einem radikalen Bruch begonnen. Statt zu Ausstellungen lädt er über einen riskant langen Zeitraum von vier Monaten zu gemeinsamen „Site Visits” mit Kunstschaffenden, deren Arbeiten ihn interessieren. Den physischen Rahmen dafür bietet ein zehnteiliges Display des Pariser Künstler-Duos „It’s Our Playground” aus mit Papierbahnen verhängten Gestellen, den virtuellen eine von Netzaktivist Harm van den Dorpel programmierte Website – sitevisit.site –, die von den geladenen Künstlerinnen und Künstlern ebenso eigenständig bespielt werden soll wie der reale Raum. Die Frage, die Heinrich Dietz umtreibt, ist naheliegend für jemanden, der ein Haus neu übernimmt, und berührt zugleich ein Tabu: Gibt es im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten eines Kunstvereins noch andere Modelle der Auseinandersetzung mit Kunst und ihrer Präsentation als das der kuratierten Ausstellung? Was ließe sich mit öffentlichen Mitteln anderes in diesem Raum für die Kunst tun als die endlose Variation ein und derselben Idee des Zeigens? Dietz’ Programm, das er selbst „Schocktherapie” nennt, ist tatsächlich eine Herausforderung – nicht nur fürs Publikum und die Kunstkritik, sondern auch für ihn selbst und sein Team. Sie haben ihr Büro kurzerhand in den Ausstellungsraum verlegt und sind nun ziemlich nahe dran an allem, was sich hier ergibt oder auch nicht. An der Irritation, der Ratlosigkeit, den wechselnden Aggregatzuständen öffentlichen Interesses, aber auch am Glück der Teilhabe, das manche Besucher diesem diskursiven, sinnlichen, seltsam flüchtigen und in unterschiedlichste Richtungen wuchernden Experiment inzwischen attestieren. Überraschend ist dabei nicht zuletzt die Präzision, mit der Dietz und seine Gäste die Möglichkeiten eines offenen, nicht auf Effizienz oder Quote, sondern auf Erfahrung, Erkenntnis und produktive Überforderung zielenden Umgangs mit Kunst erproben. Es sind atemberaubend formlose und spekulative Event-Monster wie das zwischen Lecture-Performance, Privatausstellung, Stadtführung und Kaffeekränzchen mäandernde Projekt „Paradies”, mit dem der Konzeptkünstler Berthold Reiß hier kürzlich das Thema „Der Außenraum als Innenraum” umkreiste, die sich in die Erinnerung graben und den Blick auf mögliche neue Tätigkeits- und Diskursfelder des Kunstvereins in der Stadt lenken. Unweigerlich stellt sich dabei jedoch die Frage: Wie kann es von hier aus weitergehen, wenn das Projekt zur Sommerpause endet? So gesehen ließe sich „Site Visit” durchaus als Einladung verstehen, schon jetzt darüber nachzudenken.        

 

Site Visit.
Kunstverein Freiburg
Dreisamstr. 21, Freiburg.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 12.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 12.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 23. Juli 2017.


 

 




Kunstverein Freiburg
Site visit