09/06/17

Der größte gemeinsame Nenner

„Die Revolution ist tot. Lang lebe die Revolution!“ – eine ambitionierte Doppelschau in Bern zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution

von Julia Hochstenbach
Thumbnail

revolutionmattheuer.jpg

Wolfgang Mattheuer, Die Flucht des Sisyphos, 1972 (r.), Galerie Neue Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, © 2017 ProLitteris, Zurich

Abstrakte Kunst und Sozialistischer Realismus – weiter entfernt könnten künstlerische Positionen kaum sein. In Bern werden nun mit der Doppelschau „Die Revolution ist tot. Lang lebe die Revolution!“ ihre Berührungspunkte gezeigt: die unter einer Leitung geführten Häuser Kunstmuseum Bern und Zentrum Paul Klee zeichnen zwei Entwicklungslinien eines gemeinsamen Ausgangspunktes nach. Der doppelte Ausgangspunkt ist die revolutionäre Wendung russischer Künstler zur Abstraktion einerseits, die in Malewitschs „Schwarzem Quadrat“ von 1915 als Idee der absoluten Vergeistung, befreit von Figürlichkeit, Inhaltlichkeit und Subjektivität kulminiert und die seitdem vom malerischen „Suprematismus“ und vom skulpturalen „Konstruktivismus“ verfolgt wurde und andererseits die Oktoberrevolution von 1917. Beide „Revolutionen“ schienen demselben Geist zu entspringen und gingen zunächst in wechselseitiger Begeisterung Hand in Hand. In den 1920er-Jahren aber schlug das Sowjetregime zur Forderung eines bedingungslosen Dienstes der Kunst am System um, einer stilistisch monumental-realistischen Verherrlichung des Kommunismus. Die abstrakte Kunst trennte sich von ihrem Ursprungsort, ihre weiteren Wege im Westen erforscht das Zentrum Paul Klee, während das Kunstmuseum Bern einen Bogen von der Kunst des „Sozialistischen Realismus“ bis ins Heute spannt.

Dabei arbeiten die Kuratoren Schlüsselmomente heraus, in denen sich der seismographische Niederschlag gesellschaftlich-politischer Prozesse in der Kunst zeigt – ob in künstlerischer Reflexion oder politischer Verordnung. In der abrupten Wende zur massiven Unterdrückung der „revolutionären“ Avantgarde-Kunst unter Stalin etwa scheint nicht nur der beginnende Totalitarismus auf, sondern auch das Moment, dass auf die Revolution ein konstruktiv-konservatives Ziel folgt. Deutlich wird hier auch einmal mehr, wie das Gelingen eines Systems in dem Maße behauptet wird, in dem es sich als illusionär erweist: Gerade die Kunst, Hort des Irrealen, hatte die Realität des Sozialismus zu beglaubigen und gar herzustellen, sollte „Realitätsschreibung“ betreiben und die sozialistische Utopie für erreichte Wirklichkeit erklären. Und wunderbar manifestiert die Schau, wie sich der rebellische Geist letztlich nicht auslöschen lässt, sich Bahn brach zunächst in versteckten Hinweisen und leiser Ironie, später in den nur noch oberflächlich konformen, von Ironie und Sarkasmus nur so triefenden Gemälden etwa des DDR-Malers Wolfgang Mattheuer. Und am lastenden Erbe des Sowjetsystems arbeitete sich später nicht nur Georg Baselitz ab, auch spüren Künstler wie das Duo Vladimir Dubossars­ky/Alexander Vinogradov wunde Punkte unserer heutigen Gesellschaft heraus, indem sie Aspekte des totalitären Regimes auf unsere Zeit projizieren. Auch in der Ausstellung im Zentrum Paul Klee spiegelt sich eine Geschichte der Geisteshaltungen. Als verlören sie nichts an impulsgebender Kraft und Ausstrahlung, wurden die Idee der radikalen Inhaltsleere und ihre Umsetzung in pure geometrische Form und Monochromie Jahrzehnte hindurch immer wieder im Westen aufgegriffen – in völlig unterschiedlichen Kontexten, ob vom Bauhaus, der niederländischen Gruppe De Stijl, in Südamerika, Nordamerika oder von den Zürcher Konkreten.

Spannend ist, wie gerade in der Gegenüberstellung beider Ausstellungen Fragen entstehen. So sieht etwa Boris Groys kühn eine Parallele zwischen dem avantgardistischen Willen zur völligen Beherrschung des Materials und dem totalitären Machtwillen, im Sozialistischen Realismus folglich einen Niederschlag beider Seiten. Oder: In der Suche der abstrakten Kunst nach absoluter Wahrheit, nach geistiger Realität kann man einen gedanklichen Anknüpfungspunkt zur stalinistischen Gleichsetzung von Utopie und Realität finden, dem befohlenen Ineinsfallen von Wahrheit und Realität – und nicht zuletzt auch zu unserer Zeit, zu Fragen nach heutigen Methoden der Konstruktion von Wahrheit und Realität.  Julia Hochstenbach

 

Die Revolution ist tot! Lang lebe die Revolution!
Kunstmuseum Bern
Hodlerstr. 12, Bern.
Öffnungszeiten: Dienstag bis 21.00 Uhr.


Zentrum Paul Klee
Monument im Fruchtland 3, Bern.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr,

Bis 9. Juli 2017.

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Prestel Verlag, München 2017, 372 S., 49,95 Euro | ca. 69.90 Franken.

 

 




Lang lebe die Revolution