24/01/12

Schöner skaten

Archiv vergangener Pop-Art und Pop-Kultur: Werkschau von Michel Majerus im Kunstmuseum Stuttgart.

von Valérie Hasenmayer
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„The artworld is so sad because there are those people who make you feel like you’re worth nothing or the other who think you’re a genius. I don’t like any of it.“ Dieser Satz ist auf einem der ersten Werke zu lesen, die dem Besucher der Michel Majerus-Schau präsentiert werden – oder besser: ins Auge springen. Großformatig, knallig, aufdringlich wirken seine Werke, über hundert davon sind im Kunstmuseum Stuttgart zusammengekommen. Die angesprochene Traurigkeit der Kunstwelt schien Majerus nicht gemocht zu haben. Ob er selbst gemocht wird oder nicht, darum hat er sich wohl nicht geschert. In seiner Kunst hat er sich vor kaum etwas gescheut – nicht vor der Vermischung unterschiedlichster Stile und Medien, nicht vor Zitaten und Referenzen an große Künstler, gepaart mit Figuren und Ikonen der Popkultur.

Da wird Frank Stellas bunte Geometrie der Welt der Computerspiele gegenübergestellt und Andy Warhols Pop-Art einer Art Technokunst in der Ästhetik des Musiksenders Viva 2. Das Ergebnis ist eine Mischung, die anmutet wie ein Tag im Leben eines Teenagers der 90er Jahre: Videoclips und elektronisches Spielzeug, Schnipsel aus Graffitis und den Anfängen der Street-Art sowie Malerei in den Farben von Werbeplakaten und Party-Flyern und altbekannten Logos. Und nebenbei spielt der Künstler mit seinem eigenen Namen. Als knalliger Schriftzug taucht er immer wieder auf, wie ein Graffiti-Tag an der Wand, auf dem Armee-Rucksack oder den weißen Turnschuhen eines Schülers. Vieles wirkt unfertig und wie ein Ausschnitt aus einem großen Ganzen. Und das passt zu der dramatischen Tatsache, dass Majerus´ großes Ganzes nicht existiert. 35-jährig starb der gebürtige Luxemburger bei einem Flugzeugabsturz im Jahr 2002. Studiert hatte er an der Stuttgarter Kunstakademie bei K.R.H. Sonderborg und Joseph Kosuth. Hier hat er sich das Konzeptionelle und Abstrakte angeeignet, die Themen seiner Arbeiten fand er ganz offensichtlich in seiner unmittelbaren Umgebung. Später lebte er in Berlin, wo die Galerie Neugerriemschneider ihn vertrat und wo die meisten der in Stuttgart ausgestellten Werke entstanden.

Dafür hat die Leiterin des Kunstmuseums, Ulrike Groos, eigens umgestellt. Wo sich sonst Teile der Sammlung befinden, schmücken Majerus´ riesige Lettern und Farbspiele die Wände – kaum ein anderer Raum wäre groß genug für diese ausladenden Werke. Und selbst die alten Herren wie Dix, Baumeister und Co. mussten Platz machen für einen jungen Wilden und seine schräge Konzeptkunst. Umso passender, dass sich hier früher die „Hall of Fame“ befand, Treffpunkt der Skater- und Graffitiszene, die sich in den ehemaligen Tunnelröhren auch jetzt wieder wohlfühlen dürfte. Majerus´ Liste der besten Sneaker-Marken, seine Space Invader-Siebdrucke, Manga- und Super Mario-Figuren oder eine geschmolzene Kassettenhülle dürften ihnen eher ein nostalgisches Lächeln abgewinnen als intellektuelle Begeisterung. Fehlt nur noch Majerus´ spektakulärstes Werk, eine 46 Meter lange Halfpipe, die nach langem Hin und Her nun doch vor dem Kunstmuseum aufgestellt werden darf. Ab Mitte März wird in Majerus´ Gedenken auf dem Schlossplatz geskatet.

Und so präsentiert sich auch das Publikum an einem kalten Samstagnachmittag im Kunstmuseum. Berufsjugendlich hip gekleidet reibt man sich zwischen Shoppingtour und Kaffeepause an einem Stück Gegenwartskunst, während einige Alt-68er vergeblich nach einer tieferen Bedeutung suchen. So schlicht aufschlussreich kann man Michel Majerus‘ Bilder vor allem sehen: als multimedialen Einblick in zwei Jahrzehnte Popkultur mit Rückschauen in die übrigen Heldentaten des medialen und künstlerischen Universums des 20. Jahrhunderts. Das kann die Kunstwelt mal wieder spalten: Sie kann es völlig nutzlos finden oder genial. Sad? Mitnichten.

Michel Majerus.
Kunstmuseum Stuttgart.

Schlossplatz 1, Stuttgart.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch und Freitag 10.00 bis 21.00 Uhr.
Bis 9. April 2012.
Kunstmuseum Stuttgart