08/02/12

Der Wald lebt

Die Sammlung Würth Schwäbisch Hall wurde nach Waldstücken durchforstet. Eine Themenschau.

von Leonore Welzin
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Die Sammlung Würth Schwäbisch Hall wurde nach Waldstücken durchforstet. Eine Themenschau. 9060katz.jpg

Was den Briten das Meer, sei den Deutschen der Wald, so der Schriftsteller Elias Canetti. Bei Literaten, Musikern und Malern wie auch beim schlichten Naturliebhaber setzt das Thema Wald ganze Skalen sinnlicher Empfindungen frei, weckt Erinnerungen an Waldspaziergänge, an den Duft von Tannen und Kiefern, von Kräutern und Pilzen. Mythen und Naturgeister sind hier ebenso beheimatet, wie schönschaurige Märchen. Ein ambivalenter Ort, der gleichermaßen Erholung verspricht als auch Furcht einflößt.

Auch wenn bekannte Namen wie Horst Antes, Georg Baselitz, Gerhard Richter, Günther Uecker, Anselm Kiefer oder Paula Modersohn-Becker, Max Beckmann und Ludwig Kirchner einen nationalen Schwerpunkt suggerieren, zeigt die Ausstellung „Waldeslust. Bäume und Wald in Bildern und Skulpturen der Sammlung Würth“ kein rein deutsches Phänomen. Über ein Drittel der 90 international renommierten Künstler kommen nicht aus Deutschland. Gut vertreten sind Künstler aus Großbritannien, allen voran der Impressionist Alfred Sisley und ‒ genau ein Jahrhundert später – der mehrfache Documenta-Teilnehmer David Hockney sowie der Turnerpreisträger Richard Deacon, der im Duo mit Bill Woodrow das Thema „Isle of Men“ schwarzhumorig in einem Set aus Holz und Bleiguss-Skulpturen präsentiert.

Die „Große Maske“ (2005), eine fast drei Meter hohe, grob behauene Holzskulptur aus Libanesischer Zeder von Stephan Balkenhol dominiert den ersten Saal. Die Riesenmaske kann umrundet werden und verströmt, aus der Nähe betrachtet, angenehmen Zedernduft. Ihr gegenüber hängt die kleine Gouache „Die Heilige Zeder“ (1970) von Anselm Kiefer, die eher verstört durch den Hitlergruß des jungen Künstlers, der in einem Büßerhemd auf dem Baumstumpf steht. Bereits vor Kiefer beziehen sich Motive wie „Adam und Eva“ (1546), die „Familie der Naturmenschen“ (1530) von Lukas Cranach d. Älteren sowie Alexander Rothaugs (1870-1946) „Heiliger Frühling“ auf einen Zustand paradiesischen Seins, der bereits am Baum der Erkenntnis sein Ende fand.

Gegenüberstellungen ziehen sich von den filigran auf Linde und Buche gemalten Bildern des Altmeisters der Renaissance über die ironisierende Romantik eines Carl Spitzweg, den Impressionisten, Expressionisten und dem Magischen Realismus eines Rudolf Hausner bis in die Gegenwart. Zu den aktuellsten Anschaffungen des Sammlers Würth gehören Prints auf Leinwand „Raum 738. Waldeslust und Vanitas“ von Ben Willikens.

Wenige Wochen vor Ausstellungsbeginn hatte Christo eine 7,5 Meter große Hainbuche in japanisches Polyester verpackt, die nun als „Wrapped Tree“ aufgebahrt zwischen zwei metergroßen Bildern von Robert Longo ruht. Was wie die Weitwinkelperspektive eines Waldstückes im leicht vernebelten Gegenlicht wirkt, sind die monochromen Zeichnungen „Ohne Titel (Fairmount Forst)“. Diese hyperrealistischen Großformate aus Graphit und Kohle zeigt den Wald als Ort voll metaphysischer Geheimnisse, eine Gegenposition zu unserer nüchternen Weltwahrnehmung, die von Fakten und Zahlen bestimmt wird.

„Was ist ein Wald?“ Lässt sich diese Frage durch das veritable Waldstück beantworten, das die Ausstellungsmacherinnen vor die Kunsthalle haben pflanzen lassen? Oder liegt die Antwort im Werk, den Texten, Bildern, Collagen und Frottagen von Max Ernst, der sich diese Frage 1934 in seinem berühmt gewordenen Essay „Les mystères de la forêt“ gestellt hat? Das Fazit nach einem Rundgang durch die von Beate Elsen-Schwedler und Sylvia Weber komponierte Schau: Nichts lässt sich in den Waldbildern definitiv erfassen. So unendlich wie der Blick auf das Meer, so auch jener in den Wald. Hier wie dort wuchert und wogt unsere Erregung wie Bäume und Wellen.

„Waldeslust. Bäume und Wald in Bildern und Skulpturen der Sammlung Würth“.
Kunsthalle Würth

Lange Str. 35, Schwäbisch Hall.

Öffnungszeiten: Täglich 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 15. April 2012. Im Swiridoff Verlag ist ein Katalog erschienen, 320 S., 40 Euro, 63,50 CHF.
Sammlung Würth