14/02/12

Brutale Eingriffe und feinsinnige Metaphern

Denkbar unterschiedlich: Raumeingriffe von Karsten Födinger und Amalia Pica in der Kunst Halle St. Gallen.

von Florian Weiland
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Denkbar unterschiedlich: Raumeingriffe von Karsten Födinger und Amalia Pica in der Kunst Halle St. Gallen.5796karsten.jpg

Was diese Wände wohl erzählen würden, wenn sie sprechen könnten? Vielleicht würden sie von früheren Ausstellungen berichten oder von der Zeit, als diese Räume noch als Lagerhaus dienten. Vielleicht würden sie sich aber auch über die imposante Installation von Karsten Födinger unterhalten, die im angrenzenden Raum zu bestaunen ist. Stoff zum Reden gäbe es genug: Mit ihrer Arbeit „If these walls could talk“ macht die argentinische Künstlerin Amalia Pica (*1978) in der Kunst Halle Sankt Gallen die Kommunikation zum Thema. 140 Blechbüchsen sind an den Wänden angebracht und mit Seilen zu Schnurtelefonen verbunden. Der Raum wird zu einem Labyrinth, in dem sich der Ausstellungsbesucher verirren kann. Hören wird er freilich nichts. Die Telefone bleiben stumm.

Noch stärker als Pica gelingt es dem gleichaltrigen Födinger, dem Betrachter ein vollkommen verändertes Raumgefühl zu vermitteln. Der in Karlsruhe lebende Künstler verwandelt den riesigen Saal in eine Baustelle. Eine mächtige Verschalung, wie sie zum Bau von Brückenpfeilern verwendet wird, füllt fast den gesamten Raum aus. Die Gebrauchsspuren sind deutlich zu sehen. Doch der letzte Schritt – und das ist entscheidend – wurde unterlassen bzw. wird unserer Fantasie überlassen: die Betonfüllung. Das würde die Statik des Museumsbaus auch gar nicht zulassen. Födinger zeigt so die Grenzen des Ausstellungsraumes auf. Seine gewaltige Installation hätte das Potenzial, das Gebäude zum Einsturz zu bringen. Wo der Karlsruher brutale Eingriffe suggeriert, setzt Pica auf feinsinnige Metaphern. Gerade diese Gegensätzlichkeit macht den großen Reiz dieser Konstellation aus.

Eine begehbare Tribüne empfängt uns im letzten Raum. Pica lädt dazu ein, Platz zu nehmen. Ein riesiges Foto an der Wand zeigt die Künstlerin. Sie kehrt den Betrachtern den Rücken zu, in ihrer Hand hält sie ein Megaphon. Was wollte sie uns sagen? Auf dem Boden liegen Konfetti verstreut. Was wurde hier gefeiert? Ein fröhliches Fest? Wir werden es nicht erfahren und sehen nur die Spuren des Ereignisses. In der Ecke des Raums stehen vier Vitrinen. Man fühlt sich an ein Juweliergeschäft erinnert. Darin acht Ohrstöpsel aus Bronze, Silber, Kupfer und Gold. Pica definiert das Hören als chronische Krankheit, deren Symptome nicht geheilt, mit Hilfe der Ohrstöpsel aber gelindert werden können. Stille ist in unserer hektischen Zeit ein selten gewordener Luxus.

Amalia Pica: Chronic Listeners / Karsten Födinger: C30/37; XD1, XF2.
Kunst Halle Sankt Gallen

Davidstr. 40, St. Gallen.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 12.00 bis 18.00 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 1. April 2012.
Kunst Halle St. Gallen