24/04/17

Das Paradies als Leinwandfiktion

Das Bündner Kunstmuseum Chur entdeckt in das Werk der lange vergessenen Malerin Anne Loch wieder

von Alice Henkes
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Anne Loch, Z8, 1997, © Nachlass Anne Loch
Blütenblätter, duftig rosa. Ein Adler, die ausgebreiteten Schwingen silhouettenhaft vor einem bilderbuchblauen Himmel. Die Gemälde sind gross – das Adler-Bild ist fast vier Meter breit – und farbenfroh. Seltsam eigentlich, dass eine Künstlerin, die so bunte, plakative Bilder gemalt hat, so gründlich in Vergessenheit geraten konnte. Und doch: Anne Loch (1946-2014), der Name hinter den Acrylgemälden, löst heute meist Ratlosigkeit aus. Stephan Kunz, Direktor des Bündner Kunstmuseums Chur, möchte die deutsche Künstlerin, die lange in Graubünden gelebt hat, dem Kunstpublikum wieder ins Gedächtnis rufen.

Einst war sie gut im Geschäft, die aus Minden gebürtige Künstlerin, die ihren Berufsweg mit einer Ausbildung zur Modedesignerin begann und anschliessend an der renommierten Kunstakademie Düsseldorf studierte. Schnell eroberte die gut aussehende junge Frau, die mit einem Psychiater verheiratet war, die rheinische Kunstszene. 1979 trennte sie sich von ihrem Mann, brach kurz darauf den Kontakt zu ihren Adoptivsöhnen ab. Sie lebte in Köln und Italien, stellte in namhaften Galerien und Museen aus. Sie hat gut verkauft, obwohl ihr Werk deutlich aus der Zeit fiel. Es wurde zwar wieder gemalt, zumal von den Neuen Wilden, zu denen Anne Loch engeren Kontakt hatte. Doch der Gestus eines Martin Kippenberger oder Walter Dahn war rau, eckig, scharfkantig. Bei Anne Loch indes ist immer ein Hang zum Dekorativen spürbar. Federnelken, Stiefmütterchen und Rosen füllen ihre gigantischen Leinwände. Zwar leicht abstrahiert und sehr flächig gearbeitet. Das nimmt ihnen aber nicht das Poppige, Peppige, Repräsentative. Allzu gut nur kann man sich dieses Blühen in glänzenden Acrylfarben in coolen Lofts vorstellen, als Farbfleck über ein paar Designer-Sesseln.

Parallel zu den knalligen Blumenstücken entstehen Berglandschaften, so dunkel und menschenleer, dass es einen davor schaudert. Auf diesen einsam-abweisenden Graten, diesen grün gähnenden Hügeln möchte man nicht wandern müssen. Hier offenbart sich eine andere, sehr starke Seite der Künstlerin: Ende der Achtziger wandte sich Anne Loch radikal von Kunstbetrieb im Rheinland ab und ging in die Schweiz, nach Graubünden. In Thusis lebte und arbeitete sie bescheiden und zurückgezogen. Sie mied die Kunstszene, machte aber Bekanntschaft mit dem Berner Galeristenpaar Erika und Otto Friedrich, die ihre Werke ausstellten. Anne Lochs Leben war voll radikaler Brüche, in ihrem Werk aber blieb sie sich erstaunlich treu, wie die chronologisch geordnete Ausstellung zeigt. Von den leuchtenden Blumenbildern und dunklen Bergpanoramen aus den Kölner Jahren führt sie über Experimente mit Lacken und Bronzen zu dem linearer und abstrakter werdenden Spätwerk. Wie sehr die Künstlerin in ihrer Malerei künstliche Paradiese erschaffen hat – möglicherweise, um innere Dämonen zu bannen – zeigt sich vor allem in den Tiermotiven: Rehe und Schafe, die sich friedvoll aneinander kuscheln, und die einen Stich ins Süssliche nicht leugnen können.   

 

Anne Loch: Künstliche Paradiese.
Bündner Kunstmuseum
Bahnhofstr. 35, Chur.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr. Bis 7. Mai 2017.
Katalog: Scheidegger & Spiess, Zürich 2017, 48 Euro | ca. 51 Franken.




Bündner Kunstmuseum