16/04/17

Praktizierter Perspektivwechsel

Der Kunstraum Alexander Bürkle in Freiburg lädt zum "Blickwechsel" ein

von Annette Hoffmann

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Austellungsansicht Blickwechsel im Kunstraum Alexander Bürkle mit Arbeiten von Adrian Schiess, Foto: Bernhard Strauss
Es ist vermutlich reines Understatement, wenn eine Projektion „Ouverture (Nicht Mehr)“ betitelt ist und diese dann auch wirklich die Ouvertüre für eine Ausstellung bildet, die auf einer Sammlung beruht mit gewissen Verbindungen zu Leuchtmitteln. Die kreisförmige Lichtprojektion von Michel Verjux umfasst im Kunstraum Alexander Bürkle ein schmales hochformatiges Fenster, das dadurch wiederum zu einem Kreisausschnitt wird. Natürlich ist diese Arbeit aus nicht mehr als Licht gemacht. Doch wer genauer hinsieht, erkennt, dass der Kreis nicht nur aus einer leicht blauen Kontur besteht, sie fächert sich vielmehr in Violett, Türkis und Gelb auf. Man wird dies als Aufforderung zum genauen Hinschauen verstehen dürfen in einer Ausstellung, die mit ihrem Titel „Blickwechsel“ die Perspektivveränderung verlangt.

Und tatsächlich sind bei dieser aktuellen Schau im Kunstraum Alexander Bürkle die Reize subtil. Bis auf den Raum, der sich Arbeiten von Adrian Schiess widmet, ist „Blickwechsel“ von einer herunter gedimmten Dramatik. Das Auge soll eher belehrt als unterhalten werden. Bei Schiess jedoch ist nicht nur Farbe zu erleben, sondern auch, wie verschiedene Ebenen ins Kippen geraten. So präsentiert Schiess die in Streifen gerissenen Papiere seiner Arbeit „Fetzen“, die er zwischen 1982 und 1994 gesammelt hat, in einer Vitrine. Die Farb- und Formkonstellationen wirken in diesem Kontext wie zufällig. Schiess‘ Bodenarbeit hingegen besteht aus den charakteristischen beschichteten Aluminiumverbundplatten, die mal monochrom sind, elfenbein, orange, mal Farbverläufe in Blau aufzeigen und mal einen vergrößerten Ausschnitt von Schiess‘ Atelierboden zeigen. Drei Fotos dieser farbbesprenkelten Fläche hängen wiederum an der Wand. Es wirkt fast als bekräftigte Schiess, der von sich sagt, er male keine Bilder, durch diese Atelieraufnahmen, dass er eben doch Maler sei.

Im Raum 7 lässt sich wiederum über das Wesen des Lichts nachdenken. Die 1962 geborene Anna Leonie spricht von einer „Lichtwirklichkeit“ und stellt diese in ihren Arbeiten auf die Probe. Ihre Serie „Kind of Blue“ entsteht, indem sie auf MDF-Platten reinweiße oder mit blauen Pigmenten versehene Alabasterkreide aufträgt und diese dann abschleift. Die Kreide bewirkt einerseits, dass sich die Farbe materialisiert, andererseits jedoch ist das Auge nicht in der Lage diese wirklich zu erfassen. Man sieht die feinen und unwirklich schönen Farbnuancen und weiß zugleich, dass das Licht sie immer wieder anders aussehen lässt. Agnes Martin hat angesichts ihrer Arbeit oft von „Lichteinheiten“ gesprochen. Auch ihre Lithografien, die in der Ausstellung „Blickwechsel“ zu sehen sind, weisen das für ihre Arbeit so wesentliche Raster auf. Von den horizontalen Linien gehen feinere senkrechte Striche aus. Mitte der 1960er Jahre zog sich Agnes Martin, die immer wieder unter Schizophrenie litt, aus New York in die Wüste New Mexikos zurück. Diese subtilen Blätter reflektieren diese archaische Landschaft, sie stehen wesenshaft für Martins meditatives Arbeiten, aber auch für die Selbstdisziplin, der sie sich unterwarf.

Blickwechsel
Kunstraum Alexander Bürkle
Robert-Bunsen-Str. 5, Freiburg.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag, Sonntag 1.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 30. April 2017.

 




Kunstraum Alexander Bürkle