31/03/17

Wirklichkeit zwischen Fakt und Fiktion

Das Münchner Festival „Kino der Kunst” zeigt Spielfilme von Künstlern

von Dietrich Roeschmann
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Omer Fast, Continuity, 2016, Still © filmgalerie 451
Das Schwein schlachtet den Metzger, der Esel reitet den Menschen, das Kind bestraft den Lehrer, der Bettler spendet dem Reichen – solche und ähnliche Bilder einer verkehrten Welt waren im 16. Jahrhundert äußerst populär. Sie kursierten vielfach auf Stichen, von denen sich das russische Künstlerkollektiv AES+F nun zu seinem jüngsten Filmprojekt „Inverso Mundus” inspirieren ließ. Das Werk, das in der dritten Aprilwoche im Rahmen des  Münchener Festivals „Kino der Kunst” zu sehen  sein wird, kommt gerade zur richtigen Zeit. Ob Terror in Europa, Dürren und Krieg in Afrika oder Trumps Twitter-Politik: das Gefühl, in einer aus den Fugen geratenen Welt zu leben, ist momentan so weit verbreitet wie schon lange nicht mehr. Zu Unrecht, könnte man sagen, denn durch keine Statistik lässt sich belegen, dass es weltweit in den vergangenen Jahren tatsächlich zu einer Zunahme krisenhafter Ereignisse kam. Genau darum geht es AES+F. In der cineastischen Überhöhung des drohenden Endes der Vernunft bereiten sie eben dieser eine witzige, ironische, utopische Bühne.

Auch ansonsten dreht sich bei der dritten Ausgabe des Festivals vieles um gefühlte Wahrheiten und um Fiktionen, die uns die Wirklichkeit umfassender verstehen lassen. Unter dem Titel „Kunst und Film, Fiktion und Wirklichkeit” werden in diesem Jahr zahlreiche Spielfilme von Künstlerinnen und Künstlern gezeigt, unter anderen die Deutschland-Premiere des White Trash-Dramas „Simple Little Lives” von Shoja Azari. Zu sehen sind auch der Meta-Antiterrorkriegsfilm „The Wakhan Front” des Franzosen Clément Cogitore, Omer Fasts Psychothriller „Continuity” über ein Ehepaar, das in mysteriösen Ritualen mit fremden Männern versucht, den Schmerz über den Tod ihres Sohnes im Irak zu überwinden sowie die Ein-Kanal-Version von Julian Rosefeldts großartigem „Manifesto”, das im 13-Kanal-Format parallel auch in der Villa Stuck läuft. Eine weitere Besonderheit von „Kino der Kunst” ist die Auswahl der Locations. Um Filme wie „Inverso Mundus” zu sehen, muss man in der Regel ein Museumsticket lösen – nicht zur abendlichen Kinozeit, sondern tagsüber, versteht sich, und logisch ohne Eis und Popcorn. Die Filme laufen dann in Kojen statt in Sälen, das Publikum nimmt auf Bänken Platz statt in Sesseln und der gängige Vorführmodus ist der Loop – weshalb man so gut wie nie den Anfang einer Arbeit vor dessen Ende erwischt. Anders dagegen im „Kino der Kunst”: Das Festival hat es sich zur Aufgabe gemacht, Kunstfilme auch abseits der Museen zu zeigen, zuletzt etwa im kleinen ARRI Kino, im noblen Espace Louis Vuitton oder in den High-End-Kinosälen der HFF München. Das komplette Programm ist ab Anfang April online.

       

Kino der Kunst.
Diverse Orte, München. 19. bis 23. April 2017.
Weitere Infos unter Kino der Kunst