27/03/17

Gedoppelte Blicke

Das Kunstmuseum Thun widmet sich dem Moment des Spiegelns

von Julia Hochstenbach

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Charlie Todd & Improv Everywhere, Human Mirror, 2008, courtesy the artist
Es ist ein uraltes Thema und direkt am Nerv unserer Zeit. Mit Spiegelungen beschäftigt sich das Kunstmuseum Thun in seiner Ausstellung „Mirror Images – Spiegelbilder in Kunst und Medizin“. Der Spiegel als Instrument der Vervielfachung und Sichterweiterung, ist auch ein Bild für Blicke ins Jenseits und ins Verborgene, aber auch für das Erblicken und Inszenieren des Selbst sowie die Spiegelung des Selbst im Anderen. Schließlich stehen auch Aspekte des Sehens und des Wahrnehmens und damit auch das weite Feld von Realität, Illusion und Fiktion zur Debatte. So nimmt die Schau auch ins Visier, was nie zuvor so sehr wie in unserer medial geprägten Epoche alltäglich spürbar und zugleich so weitreichend erforscht war: das konstruktive Wesen von Wahrnehmung, die Beweglichkeit und subjektive Erschaffung von Realität, auch deren unscharfe Grenze zur Fiktion; ebenso wie die fragwürdige Konstruktion des „Subjekts“, die  - etwa laut Jacques Lacan -  den Weg über den Blick des Anderen nimmt, oder umgekehrt die Projektion des Selbst ins eigene Umfeld.

Ein wunderbares, heutiges, weitgreifendes Thema also, aus dem gleichsam Stichproben entnommen werden, zwischen Kunst und Wissenschaft hin- und her kreuzend. Ein Schrank fällt hier humoristisch-psychologisierend in sein eigenes Spiegelbild, es gibt wissenschaftliche Vorträge, Installationen, medizinische Instrumente zur illusionären Selbstwahrnehmung, komplizierte Spiegelkonstruktionen, schräge Selbstgespräche eines Künstlers mit einem gefilmten, ins Weibliche travestierten Ich, oder schlichte Selbstporträts. Faszinierend ist die Vielzahl der Perspektiven – und dennoch bleibt die Ausstellung ein wenig spröde. Vielleicht werden zu viele Themen angetippt, vielleicht führen nicht alle Werke wirklich weiter. Da gibt es Wundervolles wie die kargen, Passfotos ähnelnden Selbstporträts Hreinn Friðfinnssons (*1943), die in der scheinbaren Unantastbarkeit ihrer ausdruckslosen Oberfläche einen beredten Blick auf das nicht zu verbergende, höchst antastbare Selbst werfen. Oder Adib Frickes (*1962) skurriler 3D-Scan seines eigenen Gehirns, mit dem er wie ein Hamlet mit Totenschädel vor der Kamera posiert – und unversehens eine abenteuerliche Mischung aus gefälliger Selbstinszenierung, ironisch überspitztem Narzissmus und einer unter dem Erstaunen lauernden Angst vor dem Eigenen aufblühen lässt. Andere Arbeiten dagegen hinterlassen weniger Eindruck; Marta Dell’Angelo (*1970) etwa hat in „Faccia a faccia“ Erwachsene beim Kinderspiel „Einander anschauen und nicht lachen dürfen“ gefilmt, was zwar der neurologischen Theorie der „Spiegelneuronen“, von denen Nachahmungsimpulsen ausgehen, Futter gibt, im Grunde aber ein altbekanntes menschliches Phänomen zeigt.

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DER Sabina, Sassi, 2006-2009 (l.), Courtesy the artist
Schade zudem, dass die spannende und keineswegs selbstverständliche Setzung der Schau, Kunst und Wissenschaft zu verknüpfen, nicht als solche thematisiert wird. So wird eines der interessantesten Werke der Ausstellung, die Reihe der Selbstporträts der Künstlerin „DER Sabina“, zwar als Kunst vorgestellt, im Begleittext aber ausschließlich hinsichtlich seiner therapeutischen Wirkung beschrieben. Die Künstlerin meisterte schwere Panikattacken, indem sie sich dabei fotografierte, sich selbst darin erblickte. Für den Betrachter ist dies letztlich nicht nachfühlbar, sichtbar ist jedoch, wie die Bilder ihre Privatheit durch sorgfältig inszenierte Komposition unterlaufen, und zugleich benutzen, indem sie den Betrachter zum Voyeurismus zwingen – der wiederum im fixierenden Blick der Fotografierten zum Objekt wird: eine schöne kleine Reflexion über Subjekt, Blick, Zuweisung und Inszenierung.

Insgesamt führt die Ausstellung so die schier unendliche, spielerische, impulsgebende Kraft des Spiegelthemas eindrucksvoll vor und ermöglicht so einen interessanten und erhellenden Einstieg in ein faszinierendes Themenfeld.       

 

Mirror Images – Spiegelbilder in Kunst und Medizin.
Kunstmuseum Thun
Hofstettenstr. 14, Thun.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch 10.00 bis 19.00 Uhr.
Bis 30. April 2017.


 

 

 




Kunstmuseum Thun