23/02/12

Arm an Theorie, reich an Sympathie

Fabrice Stroun startet in der Kunsthalle Bern sein Programm mit einer radikal subjektiven Malereischau.

von Annette Hoffmann
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Fabrice Stroun startet in der Kunsthalle Bern sein Programm mit einer radikal subjektiven Malereischau. 7945scharf.jpg

Lässt sich Malerei präziser umschreiben als durch „The Old, the New, the Different“? Denn findet sich nicht für jede Aussage ein Gegenbeispiel, gab es das Neue nicht auch schon früher und ist nicht immer alles ganz anders? Fabrice Stroun hat zu seinem Einstand in der Kunsthalle Bern eine Malereiausstellung konzipiert, die für einen undogmatischen Umgang mit dem Bild steht und zugleich ein sehr persönliches Malereiuniversum vorstellt. Mit vielen, deren Werke er jetzt in die Hauptstadt geholt hat, ist der Westschweizer durch frühere Ausstellungen verbunden. Etwa mit Philippe Decrauzat und Vidya Gastaldon, Wade Guyton und Mai-Thu Perret. Insgesamt 45 Bilder von 34 Künstlerinnen und Künstlern sind in den atmosphärisch dichten Räumen von „The Old, the New, the Different“ zu sehen.

Er habe die Werke wegen ihrer individuellen Geschichte und nicht wegen einer vorgefassten Theorie über die Malerei ausgewählt, schreibt Stroun in dem Pressetext. Und zitiert Steven Parrinos Aussage „Radikalität kommt von Inhalten und nicht unbedingt durch Form“. Wer jedoch durch die Räume geht, ist auf die Form angewiesen, denn ihre Geschichten behalten die Bilder meist für sich. Und doch, indem Stroun Zusammenhänge sucht, ergeben sich Räume, die mehr sind als die einzelnen Werke. So ist der große Saal ganz in Schwarz-Weiß gehalten. Gleich beim Betreten fällt Steven Parrinos „Kitten Natividad“ aus dem Jahr 1991 auf. Zwei Querformate sind übereinander gehängt. Während das eine straff gespannt ist, hängt bei dem unteren die Leinwand derart durch, dass sich nicht nur metallisch glänzende Falten bilden, sondern auch ein Stück des grundierten Stoffes sichtbar wird. Julian Schnabel hingegen hat seine Widmung an Ian Curtis, dem Sänger von „Joy Division“, der 1980 Selbstmord beging, auf schwarzen Samt gemalt. Ein viereckiges Feld ist von einer weißen Bordüre eingerahmt, rechts davon befindet sich auf „Ornamental Despair (Painting für Ian Curtis)“ aus dem Jahr 1980 etwas, das an einen niedergefallenen Vorhang erinnert. Viel Pathos also, das konterkariert wird durch Michael Scotts flirrendes Streifenbild und einer Arbeit von Wade Guyton, auf der sich zwei Blöcke von Druckerschwärze verschieben und in Schlieren überlagern.

Doch „The Old, the New, the Different“ kann auch anders. So ist im unteren Geschoss ein schmales Hochformat von Sherrie Levine aus dem Jahr 1988 zu sehen, mit Kasein ist auf Aluminium ein Schachtfeld und ein Backgammonfeld aufgetragen. In unmittelbarer Nähe befindet sich ein Kleinformat von Mai-Thu Perret, es zeigt auf fein gemasertem Holz eine rechte Hand, deren Fingerkuppen schwarz bemalt sind und die schwarze Punkte aufweist. Eine Plane hat hingegen Valentin Carron als Malgrund verwendet. Blau schimmert sie durch das Grau durch, zwei ornamentale Zeichen sind auf ihr miteinander verschränkt. Einen weniger formalen Zugang hat Hans Schärer gewählt, seine beiden Madonnen aus den frühen 70er Jahren zitieren eine Art Animismus. Das Gesicht ist jeweils maskenhaft erstarrt, die Augen befinden sich in Höhlen, Strasssteine liegen in den Bäckchen. Der Kopf ist von einer dunklen Flut von Haaren oder einem Schleier empfangen. Im Mund jedoch stecken zwei Reihen weiße Kiesel, die wie wirkliche Zähne anmuten. Ironischer und auch bunter nehmen sich da Mathis Gassers Textarbeiten aus, aber auch Luigi Luratis poetische Pop-Art aus dem Jahr 1965. Es scheint, dass sich der Wunsch der Verantwortlichen der Kunsthalle Bern nach einer Persönlichkeit, die dem Haus ihr Profil gibt, bewahrheiten könnte. „The Old, the New, the Different“ spart mit Theorien und gibt sich radikal subjektiv.

The Old, The New, The Different.
Kunsthalle Bern

Helvetiaplatz 1, Bern.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Samstag und Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 25. März 2012.
Kunsthalle Bern