27/02/12

Politik der Bewegung

Das Kunsthaus Bregenz widmet der Choreografin, Tänzerin und Filmemacherin Yvonne Rainer eine Retrospektive.

von Yvonne Ziegler
Thumbnail

Das Kunsthaus Bregenz widmet der Choreografin, Tänzerin und Filmemacherin Yvonne Rainer eine Retrospektive.5770rainers.jpg

Das New York der 1960er Jahre war ein Schmelztiegel der Künste. Die Grenzen zwischen bildender Kunst, Theater, Tanz und Musik wurden überschritten, man experimentierte, gab die Trennung gegenüber dem Publikum auf und brach mit Erwartungshaltungen. Es war die Zeit, als John Cage experimentelle Komposition unterrichtete, sich performative Kunstformen wie Happening und Fluxus entwickelten, Pop-Art und Minimal Art entstanden. Bereits 1957 wurde die aus San Francisco stammende Yvonne Rainer (*1934) Teil dieser avantgardistischen Szene. Sie studierte zunächst Schauspiel, wechselte dann zum Tanz und nahm bei Martha Graham und Merce Cunningham Unterricht. Dann lernte sie Choreografie bei dem von John Cage geprägten Musiker Robert Dunn und der Tänzerin Anna Halprin. Als sich 1962 aus dieser Klasse das Judson Dance Theater bildete, schloss sie sich ihm an. Künstler verschiedener Sparten arbeiteten hier zusammen, auch Profis und Laien. In der Folge entwickelte sie nicht nur individuelle Tanzansätze, sondern führte auch in den experimentellen Film eigenständige Neuerungen ein. Der Starkult indes missfiel ihr, weshalb sie sich Mitte der Siebziger von der Bühne abwandte und erst seit 2000 wieder als Choreografin tätig ist. Das Kunsthaus Bregenz widmet der Künstlerin eine große Retrospektive, die sowohl das frühe performative Oeuvre und ihre Filme als auch Aufnahmen neuer Choreografien umfasst. Fotografien, Skizzenbücher, Plakate und Filmdokumente ermöglichen eine Rekonstruktion des bisher viel zu wenig gewürdigten großartigen Oeuvres.

Matratzen werden hin- und hergetragen
Bei der Betrachtung wird schnell deutlich, dass sich Rainer gegen Glamour, Spektakel und Überwältigung stellte. Ihre reduzierten Tanzarbeiten scheinen untänzerisch zu sein. Alltagsbewegungen wie Gehen und Rennen sowie einfache Aufgaben wie das Aufheben und Transportieren von Objekten gehören wie selbstverständlich zum Tanz. In Parts of Some Sextets (1965) wurden – unter anderem von Robert Rauschenberg und Robert Morris – Matratzen hin- und hergetragen, aufeinander gestapelt und ausgerollt. Vielschichtig reflektiert Rainer auf Text-, Bewegungs- und Bildebene Tanz und Politik.

Insbesondere bei dem von ihr 1978 fließend durchgetanzten Stück Trio A (1966) kristallisiert sich Selbstreflexivität heraus. Sie deutet Tanzbewegungen wie Attitüde, Ronde de jambe oder Pliés nur an, führt sie in nicht gestreckter Form, ja inkorrekter Haltung durch oder rudert mit den Armen, um in einer langsamen Abwärtsbewegung zum Boden zu kommen. Die Schwerkraft der Bewegung wird sichtbar, die das klassische Ballett überspielt. Der Bruch zum traditionellen Ballett besteht außerdem in einer nach innen gerichteten Haltung. Denn es geht ihr nicht um eine möglichst glänzende Darbietung vor Publikum, sondern vielmehr um das Sichtbarmachen des Körpers als Gegenstand des Tanzes. Das Machen hat den Vorrang gegenüber dem Darstellen. Wesentliches Moment ist die körperliche Arbeit selbst bzw. der Tanz als körperliche Arbeit, ohne dass athletische Grenzen gesucht werden.

Rainer vermeidet emotionalen Ausdruck und Tänzerpersönlichkeit. Jede Bewegung steht – wie in der konkreten Kunst – für sich selbst. Sie unterscheidet sich darin wesentlich vom Ausdruckstanz ihrer Lehrerin Graham. Part of some Sextets – in der Ausstellung anhand von Fotografien und der Tanzpartitur veranschaulicht – unterlag einer strengen Zeitstruktur, wodurch laut Augenzeugenberichten, die im hervorragenden Katalog nachzulesen sind, Brüche und logische Ungereimtheiten entstanden. Im Abstand von 30 Sekunden gaben Wörter des vorgelesenen Textes Bewegungswechsel an. Ähnliche Zeitstrukturen finden sich bei ihrem Lehrer Cunningham. Da Rainers Stücke nicht eigentlich erzählerisch sind, gibt es keine Einleitung, keinen Höhepunkt und kein Ende. Bei Performance 1972 wird die Maßstäblichkeit des Körpers in Relation zum Raum und zu einer Holzkiste untersucht, in der mehrere Tänzer zusammen gezwängt stellen. Den Bühnenraum, der zumeist mit wenigen Requisiten ausgestattet war, erweiterte Rainer durch Filmprojektionen. Sie schob Bilder ein, die dem Wesen des Tanzes widerstreben. 1970 ließ sie aus Protest gegen die Verhaftung eines Galeristen, der angeblich Arbeiten präsentierte, welche die amerikanische Flagge verunglimpften, Trio A mit Tänzern aufführen, die bis auf eine Flagge um den Hals nackt waren.

Alles ist Thema: Stonehenge, Feminismus, Gentrifizierung
Rainers zwischen 1966 und 1996 entstandene Experimentalfilme sind durch Konfrontation, Montage und Koexistenz von gefundenen Bildern, historischen Fragmenten, kritischen Texten und autobiografischer Erzählung geprägt. Verschiedene Zeitebenen, Ansichten und Bilder mischen sich. Sie trifft keine politischen Aussagen, sondern stellt vielmehr – ähnlich Jenny Holzers Truisims – zu Bedenkendes nebeneinander. In Journeys from Berlin (1971/80) etwa überlagern sich Luftaufnahmen von Stonehenge, der Berliner Mauer und einer orientalisch wirkenden Giebelfassade mit Off-Stimmen, die Tagebucheinträge aus ihrer Teenagerzeit vorlesen oder über RAF-Terroristinnen und russische Anarchistinnen des 19. Jahrhunderts sprechen. Privilege (1990) widmet sich dem Thema Klimakterium. Sie befragte Frauen und stellte deren Selbstberichte knappen Aussagen von Gynäkologen gegenüber. Theorietexte mischen sich mit dokumentarischen Bildern, Collagematerial und Biografischem, verhandeln kritische Themen wie Rassismus, Feminismus, Einwanderungspolitik und Gentrifizierung. Ihre Arbeiten entspringen gemeinschaftlichen Produktionsformen, Künstler, Kameraleute, Tänzer und Intellektuelle haben Anteil daran.

In den neuen Choreografien kommt viel Freiheit und Humor zum Ausdruck, wenn Tänzer in bunter Sportkleidung mit erhobenen Armen im Kreis laufen, lachend auf den Boden sinken oder in der Haltung von mehreren Dressurpferdchen im Carré skippen. Gleichzeitig wird nochmals deutlich, dass Rainer Ebenen gegeneinander verschiebt und damit Vielstimmigkeit und Brüche hervorruft. In Spiraling Down wird auf der Tonebene vom Marathonlaufen erzählt, während gegenläufig zu den dadurch ausgelösten inneren Bildern getanzt wird. In Assisted Living: Good Sports 2 hat man außerdem den Eindruck, es handle sich um eine Probensituation, wenn Rainer zwischen dem Vorlesen verschiedener Texte mit den Beleuchtern auf der Bühne umhergeht, Scheinwerfer, eine Matratze und ein Fass umgestellt werden. Rainers Werk paart Understatement, Provisorisches und kritische Reflexion auf intelligente, divergente und angenehme Weise.

Yvonne Rainer: Raum, Körper, Sprache.
Kunsthaus Bregenz

Karl-Tizian-Platz, Bregenz.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 21.00 Uhr. Bis 9. April 2012.
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen, 288 S., 42 Euro | 45.90 Franken.
Kunsthaus Bregenz