28/02/12

Rache an der Erzählung

Der Badische Kunstverein hat Emily Wardills "Fulll Firearms" koproduziert und zeigt ihn als deutsche Erstaufführung.

von Annette Hoffmann
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Eigentlich heißt Imelda Sarah Winchester. Als sie 1922 stirbt, ist ihre Villa im kalifornischen San José seit 38 Jahren eine Baustelle. Der Alptraum jeden Hausbesitzers hat jedoch System. Seit dem Tod ihres Mannes fürchtet sie die Geister jener, die durch die Waffen ihres Mannes umgekommen sind. Und die Winchester verkaufte sich gut. All die Treppen, die nirgendwo hinführen, die Geheimgänge und die Tausend Fenster, die eingebaut wurden, sollten die Geister der Getöteten beschäftigen und sie davon abhalten, sich an der Erbin zu rächen. Nicht nur Stephen King hat sich für diese Geschichte interessiert, sondern jetzt auch die britische Künstlerin Emily Wardill. In ihrer neuen Arbeit „Fulll Firearms“, die der Badische Kunstverein mitproduziert hat, versetzt Wardill sie in die Gegenwart und an die raue britische Küste. Die auf HD-Format umgewandelten 16mm-Filme Wardills sind gleichermaßen in Kunstinstitutionen als auch auf Filmfestivals anzutreffen. Der Badische Kunstverein hat anlässlich der Deutschlandpremiere den großen Saal zum Kino gemacht und zeigt darüber hinaus Collagen, Kostüme, Modelle und Skulpturen, die mit „Fulll Firearms“ in Verbindung stehen.

„Fulll Firearms“ ist mit gut 80 Minuten nicht nur von beinahe abendfüllender Länge, sondern beginnt auch wie ein konventioneller Spielfilm. Der Architekt (Ariyon Bakare) sitzt gerade im Auto und hört in den Nachrichten von einem bewaffneten Amoklauf als seine Frau anruft und ihn an einen Termin mit einer ungewöhnlichen Kundin erinnert. In einer der nächsten Szenen findet diese Zusammenkunft statt. Imelda, Tochter eines Waffenfabrikanten, (Catherine Schaub Abkarian) macht einen gleichermaßen instabilen wie extravaganten Eindruck und verlangt von dem Architekten Treppen, die lediglich in eine Richtung führen, um ominöse Geister zu verwirren. Obgleich „Fulll Firearms“ geradezu narrativ wirkt, haben die Figuren und ihre jeweiligen Erzählstränge ihre ganz eigene Logik. Da sind die Besprechungen mit dem Architekten, die Sitzungen bei ihrem Psychiater, da sind aber auch die Begegnungen mit den vermeintlichen Geistern, die es sich längst häuslich im Rohbau eingerichtet haben. Die Gruppe ist zwar so multiethnisch, dass sie auf den Kriegsschauplätzen dieser Welt hätte umgekommen sein können, doch es sind probende Schauspieler oder zumindest Aussteiger. Jerome, ihr charismatischer Anführer (Edward Akrout) lernt schnell – wie auch Laslo – Imelda zu lenken. In keiner Szene treffen Vorstellung und Wirklichkeit derart bizarr aufeinander wie in jener, als Jeromes junge Geliebte ein gebrauchtes Kondom durch die Luft schnellen lässt und Jerome sie mit dem Hinweis auf die Babys, die von diesem getroffen werden könnten, zurechtweist – worauf sich beide vor Lachen krümmen.

Bereits in ihrer früheren Arbeit „Ben“, die im letzten Jahr in der Ausstellung „A different person“ im Badischen Kunstverein zu sehen war, überlagerten zwei verschiedene Erzählstimmen die Bilder. Und auch in „Sick Serena and Dregs and Wreck and Wreck“ von 2007 werden Darsteller in historischen Kostümen von den Bleikonturen mittelalterlicher Glasmalerei eingefasst als handelte es sich um gesellschaftliche Normen. In „Fulll Firearms“ sind es Wahn und Wirklichkeit, deren Aufeinandertreffen zu Brüchen führt. Emily Wardills neue Arbeit trägt Züge des Melodramatischen. Imeldas Körper, der durch die Figur extravagant umspielende Kleidung, ihre monströsen Ohrringe und Hüte, die Highheels beinahe zur Skulptur erweitert, wird zum Signal. Er ist Zeichen einer hysterischen Störung, aber auch Symbol des Künstlerischen, bei einem Fest entwickelt ihr Gesang eine fast orphische Wirkung. Zugleich hat Wardill systematisch Hinweise auf den Film, das Fiktionale und das Theater eingebaut. Als einer der Hausbesetzer Imeldas Stimme aufnimmt und jede ihrer einzelnen Handlungen so beschreibt, als wolle er ihre Bewegungen lenken, läuft sie weinend weg. Die Fiktion des Psychiaters ist die eine, die andere ist die des Architekten und eine dritte ist die Imeldas, die zusammen mit ihren Geistern lebt. „Fulll Firearms“ sucht weder die Auflösung noch bleibt die Katastrophe unausweichlich.

Emily Wardill: Fulll Firearms.
Badischer Kunstverein Karlsruhe

Waldstr. 3, Karlsruhe.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 19.00 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 9. April 2012.
Badischer Kunstverein