09/01/17

Alles muss rein

Michael Müller hat die Staatliche Kunsthalle Baden-Baden in eine Wunderkammer verwandelt

von Dietrich Roeschmann

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Michael Müller, Erste kleine Probe für Nietzsches Geburtstagsparty 2313, Performance, Galerie Thomas Schulte, Berlin, 2015, Courtesy the artist & Galerie Thomas Schulte, Foto: Mathias Schormann

Natürlich könnte Michael Müller einfach nur einen Stift nehmen, etwas zeichnen, und gut wär's. Oder mit der bloßen Hand kleine Skulpturen aus Ton drücken, die er dann zu einer kleinen Sammlung von griffigen Objekten sortieren kann, und fertig. Doch gut ist es für den deutsch-britischen Installationskünstler dann noch lange nicht. Er liebt den großen Auftritt – und unter groß darf man sich gerne etwas wirklich Großes vorstellen: Müllers Ausstellungen kommen als gesamtkunstwerkhafte Anmaßungen daher, die mit aller Macht und Verführungskraft und einem unbeirrbaren Hang zur Synästhesie noch in die letzten Winkel der Räume dringen, die sie bespielen. Dass der 46-Jährige es seinem Publikum dabei nicht gerade leicht macht, den roten Faden zu finden, der im All-over aus gestalteten Dingen, attraktiven Looks und sinnlichen Körpererfahrungsangeboten Orientierung geben könnte, gehört so selbstverständlich zu Mülllers Kunst wie das fast schon unverschämt angenehme Gefühl der Ratlosigkeit, das einen umweht, wenn man sich am Ende des Parcours die Schuhe wieder überstreift, die man bei Betreten seiner Ausstellungen ausziehen muss.  

Aber von vorne: Im vergangenen Juni schloss die Staatliche Kunsthalle Baden-Baden für mehrere Monate ihre Pforten, da das Haus neue Oberlichter brauchte. Kunsthalle-Direktor Johan Holten wollte die Räume in dieser Zeit nicht ungenutzt lassen und bot Michael Müller an, schon mal mit den Vorbereitungen für seine aktuelle Soloschau zu beginnen. Der Künstler ließ sich nicht lange bitten und nutzte die luxuriösen Bedingungen für den aufwenigsten Umbau, den die Kunsthalle je gesehen hat. „13 Ausstellungen in neun Räumen” heißt seine Schau nun lapidar, und tatsächlich beschreibt dieser Titel ziemlich exakt, was zu sehen ist: Eine Materialschlacht in dramaturgisch klug miteinander verschachtelten Einzelschauen, die um Fragen der künstlerischen, körperlichen oder zeitlichen Verausgabung kreisen.

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Michael Müller, Was nennt sich Kunst, was heißt uns Wahrsein?, Installationsansicht, Galerie Thomas Schulte, Berlin, 2014 Courtesy the artist & Galerie Thomas Schulte, Foto: Mathias Schormann


Gleich im Oberlichtsaal hat Müller aus 16 Tonnen Sand eine Art begehbaren Zen-Garten samt Brunnen und Baumskulptur gestaltet. Neben einem alten Seziertisch und anderen obskuren Objekten aus dem Fundus des Surrealismus ragt hier auch ein verspiegeltes Podest aus dem Sand, auf dem Besucher zu Musik aus dem Kopfhörer einen Tabledance aufführen können. Die folgenden Säle hat Müller mit Teppichboden ausgelegt, auf dem mal Schaufensterpuppen in Design-Sportswear vor neon-farbigen Gemälden kauern, die gut als Stoffproben der Funktionstextilindustrie durchgehen würden, mal Dutzende von Sockeln in den weichen, pinkfarbenen Flor sinken. Auf ihnen schwanken phallische Keramiken, antike Büsten, eine mit Dürer-Monogrammen bedruckte Loius-Vuitton-Tasche oder Aquarien mit lebenden mexikanischen Blindfischen, flankiert von einer millionenschweren Plastik Willem de Koonings und Gemälden von Jan Breughel oder Jonathan Lasker. Diese wiederum sind Gegenstand endloser kunsttheoretischer Notizen, die Müller auf die Wand gebracht hat, illustriert mit Zeichnungen von Händen, abstrakten Skulpturen oder erigierten Penissen. In weiteren Räumen präsentiert Müller Bilder von Ausstellungen, die er unter Ausschluss der Öffentlichkeit realisiert hat, oder den Nachbau eines Kellerclubs namens „Hades”, an den Wänden die Spuren eines nie stattgefundenen Konzerts einer fiktiven griechischen Punk-Band. Es ist ein dichtes, in seiner Informiertheit durchaus ziemlich kokettes Verweissystem, das Müller hier entfaltet und dabei die klassischen Diskurse der Malerei und Bildhauerei mit Aspekten der Schwulenkultur, des Punk und HipHop oder mit Ausnahmezuständen des Erzählens wie bei James Joyce oder Robert Musil verknüpft. Letzerem hat Müller in Baden-Baden gar einen eigenen Raum gewidmet. Seit gut zwei Jahrzehnten arbeitet er an der Entwicklung einer Geheimschrift für Musils „Mann ohne Eigenschaften”, die heute rund 10.000 Zeichenbögen umfasst. In der Kunsthalle hängt ein Bruchteil davon nun sauber gerahmt und in Serie zwischen einem ausgestopften Kakadu und einer chromglänzenden Hantelbank wie die Parodie einer Installation der Konzeptkünstlerin Hanne Darboven. In ihrer Mischung aus Glamour, Humor, Obsession und Perfektionsmus zeigt diese Arbeit im Kleinen, was Müllers kurzweiliges Solo auch im Großen zusammenhält: Es sind die seltsamen Freuden der Kunst des Verzettelns.


Michael Müller: Skits
13 Ausstellungen in 9 Räumen

Staatliche Kunsthalle Baden-Baden
Lichtenthaler Allee 8a, Baden-Baden.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 19. Februar 2017.

 

 




Studio Michael Müller, Berlin
Staatliche Kunsthalle Baden-Baden