14/03/12

Den eigenen Raum zurückerobern

Im Gespräch: Kathleen Rahn vom Kunstverein Nürnberg über das Ausstellungsprojekt "30 Künstler/30 Räume".

von Annette Hoffmann
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Im Gespräch: Kathleen Rahn vom Kunstverein Nürnberg über das Ausstellungsprojekt "30 Künstler/30 Räume".712chaimowiczklein.jpg


Viel wurde zuletzt darüber berichtet, ob Dürers „Selbstporträt im Pelzrock“ nun im Germanischen Nationalmuseum zu sehen sein wird. Darüber wurde fast vergessen, dass Nürnberg in diesem Sommer nicht nur mit der Schau „Der frühe Dürer“ aufwarten kann, sondern mit einem Ausstellungsprojekt, zu dem sich gleich vier Institutionen zeitgenössischer Kunst zusammengeschlossen haben. Derart viele bildhauerische und installative Positionen wie in „30 Künstler/30 Räume“ sind selten zu sehen. Zu den Künstlerinnen und Künstlern, die jeweils einen Raum bespielen, gehören Nairy Baghramian, Michael Beutler, Stefan Burger sowie Tatiana Trouvé, John Bock und Olaf Nicolai. Das Konzept selbst greift einen Aufsatz von Dietrich Mahlow, dem Gründungsdirektor der Kunsthalle Nürnberg auf. 1970 entwarf er die Vorstellung einer Kunsthalle als Ort, der zu kreativem Denken und Verhalten anregen soll, aber auch als Haus für Künstler, die hier ihre Ideen verwirklichen können sollten. „Wo keine französische Impressionisten oder Albrecht-Dürer-Bilder sich befinden, braucht eine Kunsthalle andere, den Besucher faszinierende Anziehungspunkte“, schrieb er vor gut 40 Jahren. Annette Hoffmann sprach mit der Leiterin des Kunstverein Nürnberg Kathleen Rahn über das Ausstellungsprojekt, die beteiligen Häuser und die Kunsträume.


Artline: Die Nürnberger Kunstszene kann sich glücklich schätzen. Nicht nur hat die Stadt 2012 das Jahr der Kunst ausgerufen, das Projekt „30 Künstler/30 Räume“ vereint gleich vier Kunstinstitutionen. War es schwer diesen Schulterschluss zu schaffen?
Kathleen Rahn: Das Projekt ist eher zufällig in das Jahr der Kunst gefallen. Wir, die Kuratorinnen und Kuratoren der vier Häuser, wollten etwas zusammen machen. Mit dem Ausstellungsprojekt „Positionen und Tendenzen“ gibt es bereits eine Tradition der Zusammenarbeit einiger der Beteiligten. Hierbei war die Künstlerauswahl jedoch meist eher regional ausgerichtet, wir wollten genau das machen, was wir immer machen: ein internationales Programm zeitgenössischer Kunst. „30 Künstler/30 Räume“ ging von der Idee aus, einen Bezug zu Dietrich Mahlow, der das Institut für moderne Kunst gegründet und in Nürnberg die Kunsthalle geleitet hat, herzustellen.

Artline: Können Sie kurz etwas zu den beteiligten Häusern sagen?
Rahn: Es sind Institutionen mit jeweils eigenem Profil. Das Neue Museum – Staatliches Museum für Kunst und Design ist das größte Haus in Nürnberg und wird vom bayerischen Freistaat getragen. Das Neue Museum veranstaltet regelmäßig Wechselausstellungen mit zeitgenössischer Kunst und Design, es präsentiert als einziges Haus in der Stadt eine Sammlung moderner bis zeitgenössischer Kunst als auch Design. Die zweitgrößte Institution ist die Kunsthalle Nürnberg im KunstKulturQuartier, die Stadt ist der Träger. Dann ist noch das Institut für moderne Kunst Nürnberg beteiligt, das 1967 als Verein gegründet wurde und das einerseits ein Archiv und eine Bibliothek für Gegenwartskunst beherbergt, andererseits auch an zwei Orten in der Stadt Ausstellungen organisiert. Wir, der Kunstverein Nürnberg, sind die älteste Kunstinstitution in der Stadt, er wurde 1792 als erster Kunstverein in Deutschland gegründet. Alle Häuser holen Künstler in die Stadt hinein und richten sich mit unterschiedlichen Schwerpunkten an einem internationalen Kunstdiskurs aus. Wir haben jeweils unterschiedliche Strukturen und auch unterschiedliche Personalkapazitäten.

Artline: Der Ausstellungstitel „30 Künstler/30 Räume“ fasst das Konzept griffig zusammen. Wie kam die Künstlerliste zustande?
Rahn: Jedes Haus hat bestimmte Namen ins Spiel gebracht. Ausgehend von Mahlows Aufsatz war es uns wichtig, 30 Künstler zu zeigen, die sich mit Raum beschäftigen. Unser kuratorischer Ansatz ist es, nicht thematisch vorzugehen, sondern die Besucher in die Kunst eintauchen zu lassen. Wir haben künstlerische Konzepte gesucht, die den Raum nicht nur physisch auffassen, sondern auch Denkräume oder performative Räume ermöglichen. Santiago Sierra etwa schafft einen politischen Raum, indem er einen Veteranen vier Stunden in eine Ecke stellt und so das marginalisierte Thema der Veteranen sichtbar macht. Es wird aber auch Referenzfiguren wie Rosemarie Trockel oder Marc Camille Chaimowicz geben, der für viele junge Künstler so etwas wie eine Vaterfigur geworden ist. Und es stehen viele junge Künstler auf der Liste, etwa Florian Tuercke, der einen Klangraum schaffen wird. Uns war es wichtig, eine multimediale Form zu schaffen, die der Besucher genauso wie den Stadtraum und seine unterschiedlichen Institutionen durchschreiten kann. „30 Künstler/30 Räume“ feiert Nürnberg und das Zeitgenössische. Wir möchten zeigen, dass Nürnberg nicht nur die Stadt ist, in der Dürer gelebt hat, sondern dass hier auch heute etwas passiert und dass hier ein Diskurs geführt wird.

Artline: Es sind Künstlerinnen und Künstler, die bildhauerisch und installativ arbeiten und von internationalem Rang sind. Woher kommt das verstärkte Interesse am Raum?
Rahn: Ja, in der Kunst gab es einen intellektuellen Schub. Da spielt viel mit hinein: das Verlassen des musealen Raumes, die White-Cube-Debatte, die Politisierung der Kunst in den 1990er Jahren. Mittlerweile wird der eigene Raum wieder zurückerobert. Künstler bedienen sich heute ganz frei aller Medien. Die Idee von Inszenierung und Installation ist eine wichtige Komponente.

Artline: Sie beziehen sich mit dem Titel auf einen Aufsatz von Dietrich Mahlow. Als er ihn 1970 schrieb, war die Bedeutung der Kuratoren noch nicht so groß wie heute. Nehmen Sie sich jetzt als Kuratorenteam zurück?
Rahn: Wir wollten Mahlows Thesen wieder aufs Tablett bringen. Dietrich Mahlow entwickelte zusammen mit Eberhard Roters die Idee eines Museums der Zukunft, in dem es verschiedene Künstlerräume geben sollte und das den Besucher nicht vor Hemmschwellen stellt, sondern die Grenzen zwischen Straße und Museum durchlässig werden lässt. Die Künstler sollten die Hauptakteure in diesem Aktionsfeld sein. Diesen Ansatz fanden wir gut und zugleich offen genug, dass jede Institution mit ihren Räumen und Kapazitäten etwas daraus machen kann. Aber es stimmt, wir nehmen uns als Kuratoren zurück, weil wir kein Thema setzen, zugleich aber steuern wir die Ausstellung durch die Wahl der Künstler.

Artline: Nicht immer stehen Künstlerinnen und Künstler derart im Zentrum eines Ausstellungsprojektes. Wie waren die Reaktionen?
Rahn: Die Künstler fanden es gut, dass sie eine eigene Raumvorstellung entwickeln konnten – in welcher Form dies sich auch immer äußert. Die Reaktionen waren sehr positiv, weil es einfach um die Kunst geht.

Artline: Dietrich Mahlows 30 Räume sind Teil eines Konzepts für eine Kunsthalle, die keine eigene Sammlung besitzt. Er sah Räume mit längerer Laufzeit und solche mit kürzerer vor. Hat er dies jemals umgesetzt?
Rahn: Nein, es ist ein Konzeptpapier geblieben. Aber aus seinen Ideen ist letztendlich das Neue Museum in Nürnberg entstanden. Wir möchten mit diesem Ausstellungsprojekt auch darauf hinweisen, dass es diesen Text gibt und dass es neben dem Documentagründer Arnold Bode auch andere gab, die sich Gedanken über Ausstellungsformen gemacht haben. Und dies gerade im Documenta-Jahr, Nürnberg ist ja nur zwei Stunden von Kassel entfernt.

Artline: Mahlow hat seine Vorstellungen, die sehr offen und unelitär sind, 1970 formuliert. Warum gibt es derzeit so viele rückwärtsgewandte Utopien?
Rahn: Aufgrund der langen Planung wäre ein tagespolitisches Thema für uns nicht möglich gewesen. Wir möchten mit dieser Ausstellung die Spezifität von Nürnberg kommunizieren. Man soll das verkannte Nürnberg ruhig eingehender unter die Lupe nehmen. Das Rückwärtsgewandte ist genau genommen schon länger ein Thema – da könnte man weit zurückgehen. Roger Martin Buergel und Ruth Noack haben es durch ihre These von der Moderne als unsere Antike bei der Documenta 12 vertieft. Es gibt grundsätzlich sicherlich ein Gefühl der Nostalgie oder Rückbesinnung. Das Bedürfnis ist groß, einzuordnen, was heute passiert und dies vor einem historischen Hintergrund zu beleuchten.

„30 Künstler/30 Räume“. Eine Gemeinschaftsausstellung von Institut für moderne Kunst Nürnberg, Kunsthalle Nürnberg im KunstKulturQuartier, Kunstverein Nürnberg und Neues Museum – Staatliches Museum für Kunst und Design Nürnberg.
Vernissage: 16. März 2012, 18.00 Uhr im Neuen Museum, Performance von Egil Sæbjörnsson im Kunstverein Nürnberg.


Performances:
Santiago Sierra: 25. März 2012, 14.00 bis 18.00 Uhr im Kunstverein Nürnberg, 22. April 2012 14.00 bis 18.00 Uhr im Institut für moderne Kunst im Zumikon, 13. Mai 2012, 14.00 bis 18.00 Uhr Kunsthalle Nürnberg, 17. Juni 2012, 14.00 bis 18.00 Uhr Neues Museum Nürnberg
Alice Münch: 2. Mai 2012, 21.00 Uhr im Kunstverein Nürnberg
Karsten Neumann: 6. Mai 2012, 18.30 Uhr Richard-Wagner-Platz/Frauentorgraben Nürnberg
Ulf Amide u.a.: 21. Mai 2012, 19.00 Uhr im Kunstverein Nürnberg

Künstlergespräche:
5. April 2012, 15.00 bis 18.00 Uhr Karsten Neumann, Die Stadt als Happening, Zumikon
5. Mai 2012, 15.00 bis 18.00 Uhr Karsten Neumann, Die Stadt als Happening, Atelier- und Galeriehaus Defet
19. April 2012 19.00 Uhr Michaela Melián, Neues Museum Nürnberg
10. Mai 2012, 18.00 Uhr Winfried Baumann, Kunstraum Sterngasse
17. Juni 2012, 11.00 Uhr Olaf Nicolai, Neues Museum Nürnberg

Vorträge:
29. März 2012, 19.00 Uhr Goyo Montero Tanz und Raum, Neues Museum Nürnberg
26. April 2012, 19.00 Uhr Michl Zirk, Literatur und Raum
2. Mai 2012, 20 Uhr Kunstgespräch Reden über Kunst, Kunsthalle Nürnberg
10. Mai 2012, 19.00 Uhr Alexander Koch, Die Schuld der Kunst. Denunziation und Komplizenschaft im Werk Santiago Sierras, Kunstverein Nürnberg Weitere Informationen unter 30 Künstler/30 Räume