27/12/16

Hauptstädte der Kunst

Im Kunstjahr 2017 folgt ein Top-Event auf das nächste – nicht einfach, überall dabei zu sein

von red.

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Anne Imhof wird an der 57. Venedig-Biennale den deutschen Pavillon bespielen (l.), © Foto: Nadine Fraczkowski

Für Marinka Limat dürfte 2017 das anstrengendste Jahr ihres bisherigen Lebens werden. Pünktlich zum Start der kommenden Doppel-documenta 14 am 8. April will sich die 33-Jährige mit Sack und Pack von Kassel aus zu Fuß auf den Weg nach Athen machen. Für die 2500 Kilometer hat sie 163 Tage veranschlagt. Eine bizarre Idee: Denn kommt Limat in der griechischen Hauptstadt an, dürfte die documenta dort bereits zu Ende sein, während die Künstlerin zur Eröffnung der Kasseler Ausgabe  am 10. Juni vermutlich irgendwo in Tschechien unterwegs sein wird – und so folglich auch die Vernissage in Deutschland versäumen dürfte.

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Claes Oldenbourg, Giant Pool Balls, 1977 (r.), Installationsansicht am Aasee in Münster, Foto: Rüdiger Wölk

Für Limat ist das kein Problem. Der Schweizer Performancekünstlerin, die in Fribourg und Berlin lebt, geht es nicht darum, pünktlich vor Ort zu sein, wenn sich die internationale Kunstszene zu einem ihrer rituellen Großevents trifft. Was sie interessiert, sind eher die Erwartungen und Sehnsüchte, die Menschen in Scharen zu solchen Veranstaltungen pilgern lassen und die viel über deren Verhältnis zur Kunst erzählen. Man könnte sagen: Limat ist eine Feldforscherin in Sachen Kunstbetriebsbefindlichkeit. „Kunstpilgerreise” heißt ihr Langzeitprojekt, für das sie 2015 bereits von Murten in der Schweiz nach Venedig zur Kunstbiennale wanderte und auf dem Weg in rund 80 Kunsthäusern eine Pause einlegte, um den Kuratorinnen und Kuratoren, die sie antraf, eine einzige Frage zu stellen, die allerdings in zwei Richtungen zielte: „What is the capital of art?” Was ist das Kapital der Kunst? Welches ihre Hauptstadt? Tatsächlich könnte in diesem Sommer keine Frage angebrachter sein, denn wie nur einmal in zehn Jahren poppen 2017 auf der Karte kunstrelevanter Top-Destinationen gleich vier Großveranstaltungen gleichzeitig auf, die alle auf ihre Weise behaupten, den Nabel zeitgenössischen Kunstschaffens zu markieren. Neben der documenta in Kassel und Athen sind das ab 10. Juni die zum fünften Mal stattfindenden Skulpturprojekte Münster – diesmal mit einer Dependance in Marl, der heimlichen Hauptstadt der Kunst am Bau im Ruhrgebiet (bis 1. Oktober). Bereits einen Monat früher, am 13. Mai, eröffnet die 57. Biennale in Venedig (bis 26. November), zu der die Kasseler Kuratorin Susanne Pfeffer die Performancekünstlerin Anne Imhof in den deutschen Pavillon eingeladen hat, und Kurator Philipp Kaiser Teresa Hubbard, Alexander Birchler und Carol Bove in den Schweizer Pavillon. Verantwortet wird die Biennale in diesem Jahr von der französischen Kuratorin Christine Macel. Dass Marinka Limat auf ihrer „Kunstpilgerreise” zwangsläufig die meisten dieser Events verpassen wird, liegt auf der Hand. Man kann das bedauern – oder als tröstlich empfinden. Schließlich kann niemand überall gleichzeitig sein.   

 

Marinka Limat: Kunstpilgerreise.
ZKM | Zentrum für Kunst und Medien
Lorenzstr. 19, Karlsruhe.
Film und Diskussion: 18. Januar 2017, 19.00 Uhr.