16/03/12

Dinglicher als die Form

Abbt Projects zeigt in Zürich den ersten Teil eines kuratorischen Projekts von Clare Kenny.

von Annette Hoffmann
Thumbnail

Abbt Projects zeigt in Zürich den ersten Teil eines kuratorischen Projekts von Clare Kenny.2397ding2.jpg

War hier nicht einmal eine Galerie? Doch halt, Torten gibt es weiterhin in der nächsten Querstraße. Und so appetitlich diese pastellfarbenen mehrstöckigen Gebilde aussehen, so wenig ratsam wäre es, in sie hineinzubeißen. Sie sind – ganz entgegen ihrer zarten Farbigkeit – alles andere als süß und cremig. Clare Kennys Skulpturen bestehen aus eingefärbtem Gips, mit dem sie Gugelhupf- und andere Formen ausgegossen hat. Nun stehen sie aufgetürmt zu Säulen im Schaufenster der Zürcher Galerie Abbt Projects und bilden einen dekorativen, aber nicht minder vertrackten Auftakt zur Ausstellung „The Thing Itself“. Die Gruppenschau mit Werken von Vanessa Safavi, Hagar Schmidhalter, Valentina Stieger und Clare Kenny – die hier zudem als Kuratorin auftritt – eröffnet ein fünfteiliges Ausstellungsprojekt, das sich auf einen Text John Szarkowskis bezieht. In „The Photographer’s Eye“ erläutert er die Kriterien, die eine perfekte Fotografie erfüllen muss.

Das Ding an sich – kann das denn die Fotografie, die auf das Wechselspiel von Negativ und Abzug angewiesen ist, überhaupt leisten? Schon lange drängt es die fotografische Arbeit von Clare Kenny in die dritte Dimension, mit dieser Werkgruppe ist sie nun ganz im Gegenständlichen angekommen. Und zudem bei einem Objekt, das dinglicher als die Form ist, aus der es kommt und alles andere als ein Abbild und das traurige Schattenspiel aus Platons Höhlengleichnis. Kann es sein, dass diese vervielfältigte Form durch den künstlerischen Eingriff wesentlicher wird als zuvor?

In dieser Gruppenschau verbindet sich die Freude an der Ästhetik mit einer Befragung des Materials und künstlerischen Herangehensweise. Nicht immer muss die Fotografie dabei eine Rolle spielen, die Künstlerinnen jedoch konzentrieren sich sichtlich auf ähnliche Auseinandersetzungen, so sehr korrespondieren sie formal miteinander. Die Autorschaft der jeweiligen Arbeiten wird nicht immer auf den ersten Blick deutlich. Da greift der Rahmen, in den Vanessa Safavi ihre Collage aus Lederresten, Bambus und Jutegewebe gesetzt hat, das schwarze Gestänge des Stahltisches von Hagar Schmidhalter auf. Und dieses ist letztlich mit den beiden Glasscheiben, die an ihm lehnen und den dazwischen geschobenen Buchseiten nichts anderes als eine dreidimensionale Collage. Und wenn Schmidhalters Collage sich nicht in die dritte Dimension ausweiten, legt sie Reproduktionen von Fotos oder Seiten aus einem alten Archäologie-Buch übereinander, die durchlässig für die tieferen Schichten werden. Die dokumentarische Funktion, die diese Aufnahmen einmal gehabt haben, ist damit gründlich unterlaufen. Mit Selbstklebefolie hat hingegen Valentina Stieger einfache Vierkanthölzer überzogen. Die Oberfläche dieser Folien – einfarbige und marmorierte – imitiert die Wirklichkeit und ist dennoch sofort als Fake zu erkennen. Man muss sich das Ding an sich möglicherweise als einen Doppelgänger vorstellen.

The Thing Itself.
Abbt Projects

Motorenstr. 14, Zürich.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Samstag 11.00 bis 16.00 Uhr.
Bis 24. März 2012.
Abbt Projects