30/11/16

Warten auf Grossvater

Laure Prouvost leitet die Besucher ihrer Ausstellung im Kunstmuseum Luzern auf verschlungene Wege der Narration

von Tiziana Bonetti

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Laure Prouvost, After, After, 2013 (u.r.), Installationsansicht, Lyon Biennale, Foto: Blaise Adilon, courtesy the artist & Collection FRAC Bourgogne
Ein Getränkespender, ein Abfalleimer und eine schlichte Sitzbank in einem ansonsten leeren Raum. In dieser Kombination gemahnen die alltäglichen Gebrauchsgegenstände eher an ein spartanisch eingerichtetes Wartezimmer einer Arztpraxis als an den Auftakt einer Kunstausstellung. Doch anders als in einem Wartezimmer enthält die transparente Spenderflasche nicht Wasser, sondern eine trüb-bräunliche Flüssigkeit – gemäss Begleittext zur Ausstellung handelt es sich um Tee –, die einen Bezug zur Videoinstallation „Wantee“ herstellt. Im nächsten Ausstellungsraum führen die auf Ästen stehenden, partiell anthropomorphen Plastiken „Shovels“ anscheinend einen Balanceakt aus. Amplifiziert wird ihr anthropomorpher Charakter durch die teilweise hautfarbige Kolorierung der Maserung des Holzes und der Aststümpfe, die im ersten Fall an eine Vulva, im zweiten dagegen an weibliche Brüste denken lassen. Mit Stromkabeln, Autorückspiegeln, Metallplatten und Plastikflaschen versehen, erinnern die deformierten Schaufeln jedoch weniger an funktionierende Utensilien, als vielmehr an exzentrische Artefakte. Im Hinblick auf die fragmentarisch konzipierten Narrative der Ausstellung lassen sie sich als Spuren einer fingierten Vergangenheit begreifen. So gibt Laure Prouvost (*1978) in ihrer Einzelausstellung an, sie habe die Schaufeln gebaut, um damit nach ihrem verschollenen Grossvater zu suchen, dessen letztes Werk als Konzeptkünstler eine Tunnelgrabung nach Afrika gewesen sei. Ein fehlgeschlagener Versuch, von dem der Grossvater bis heute nicht zurückgekehrt sei.

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Laure Prouvost, Vulcano Paradise, 2016 , Foto: Marc Latzel, Courtesy the artist, Galerie Nathalie Obadia, Paris and Brussels, and carlier | gebauer, Berlin
Dass Prouvost nicht allein dem Geschichtenerzählen verpflichtet bleibt, sondern narrative Strukturen ins Absurde führen oder sogar ganz aufbrechen kann, offenbaren Arbeiten wie die Videoinstallation „Swallow“, in der die Atemzüge der Künstlerin parallel zu den erotischer und sinnlicher werdenden Bildern schneller und tiefer werden. In der Installation „Maquette for Grand Dad’s Visitor Center“ hingegen spannt die Künstlerin von der losen, um die fiktive und bizarre Geschichte ihres Grossvaters kreisenden Narration einen Bogen zur Logik des Kunstbetriebs, um dessen Zusammenhänge auf der Metaebene zu thematisieren. So kann die Installation, die als Modell für das geplante Besucherzentrum für den Grossvater fungiert, falls er doch noch auftauchen sollte, als Karikatur auf die extravaganten Museumsbauten eines Frank Gehrys gelesen werden. Prouvosts kryptische Formsprache des aus Maschendraht gebauten Architekturmodells mit lauter spitzwinkligen Dreiecksformen lässt jegliche Übersichtlichkeit und Ästhetik vermissen. Kritik übt die Künstlerin auch an der strengen, patriarchalisch dominierten Museumshierarchie, wenn sie dieser im Film „If it was mine“ ihre Idealvorstellung eines Museums entgegenhält; entsprechend dieser müsste den Besuchern Paletten mit Farben zur Verfügung gestellt werden, um in die Kunstwerke schöpferisch zu intervenieren.

Raffinesse bekunden Arbeiten, in denen Videoinstallationen mit Soundkulissen und aufwändig gestaltete Interieurs einander transzendieren. Beispielhaft für einen solchen fliessenden Medienübergang ist die Arbeit „Wantee“, in welcher Interieur und Videokunst eine Symbiose eingehen. Hier findet sich das im Film verwendete Requisit des Teegeschirrs im Interieur wieder, das als Wohnzimmer ausgestattet ist. Das Video selbst zeigt blitzartig changierende Aufnahmen des angeblichen Wohnzimmers von Prouvosts Grosseltern. Auditiv unterlegt werden die Aufnahmen mit nostalgischer Klaviermusik und der dynamischen Erzählstimme der Künstlerin. Die Arbeiten im Kunstmuseum Luzern legen beredtes Zeugnis des überbordenden Fantasiereichtums Prouvosts ab. In Zusammenarbeit mit Kuratorin Fanni Fetzer ist eine facettenreiche Ausstellung entstanden, die zum Eintauchen in die sinnlich-erotisch aufgeladene Welt Prouvosts einlädt.     

 

Laure Prouvost, And she will say: Hi there, ailleurs, to higher grounds…
Kunstmuseum Luzern
Europaplatz, Luzern.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr. Mittwoch 11.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 12. Februar 2017.

 

 

 




Kunstmuseum Luzern