28/11/16

Die Weltkunst-Synopsis

Alles hängt mit allem zusammen oder auch nicht: Die Ausstellung „Postwar“ im Haus der Kunst in München

von Roberta De Righi
Thumbnail

postwarelsalahi.jpg

Ibrahim El-Salahi, Self-Portrait of Suffering, 1961, Iwalewa-Haus, University of Bayreuth, Germany, © VG Bild-Kunst, Bonn 2016
Was haben Georg Baselitz‘ „Große Nacht im Eimer“, Marta Minujíns „Meine Matratze“ und Ibrahim El-Salahis „Beerdigung und der Halbmond“ gemeinsam? Die Bilder sind zwischen 1962 und 1963 entstanden – und könnten doch formal und inhaltlich nicht weiter voneinander entfernt sein. Die „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ kann man jetzt in „Postwar: Kunst zwischen Pazifik und Atlantik, 1945 bis 1965“ im Münchner Haus der Kunst erneut beobachten. In einer flirrend vielgestaltigen und herausfordernd überbordenden Präsentation, die 350 Kunstwerke aller Gattungen von 218 Künstlern aus 65 Ländern in der Zusammenschau zeigt.

postwarbaselitz.jpg

Georg Baselitz, Große Nacht im Eimer (Big Night Down The Drain), 1962/63, Collection of the artist, Munich, © Georg Baselitz, 2016
Okwui Enwezor gilt in der Kunstwelt als der Mann fürs Globale, seit der Kosmopolit mit nigerianischen Wurzeln 2001 in der Münchner Villa Stuck „The Short Century“ kuratierte. Es folgten 2002 die Documenta XI, zuletzt 2015 die Biennale. In diese Reihe fügt sich die Mammut-Schau „Postwar“, die er gemeinsam mit den Kuratoren Katie Siegel und Ulrich Wilmes erarbeitet hat. Eine Weltkunst-Synchronopsis, die den eurozentrierten Blick überwinden und den starren West-Kanon außer Kraft setzen will und weder chronologisch noch regional geordnet ist. Man habe, so Wilmes, das Thema zu acht mehr oder weniger durchlässigen Kapiteln „verdichtet“, mit Titeln wie „Kosmopolitische Moderne“ oder „Formsuchende Nationen“. Die auf den ersten Blick willkürlich scheinende Begrenzung bis 1965 ist der Tatsache geschuldet, dass bereits weitere Projekte in Planung sind, in denen es um Postkommunismus und -kolonialismus gehen wird.

In allen Sektionen wirksam bis in die totale Umkehrung ist die ideologische Teilung der Welt in zwei Blöcke nach dem Zweiten Weltkrieg, die auch in der Kunst prägend waren: Die westliche Hemisphäre, beeinflusst durch die USA, propagierte die Abstraktion als einzig zeitgemäße Kunstform, während im Osten Figuration und (sozialistischer) Realismus hochgehalten wurden. Der Auftakt ist mit „Stunde Null und Atomzeitalter“ überschrieben. Da trifft man auf die Gemälde Andrzej Wróblewskis: „Hinrichtung mit Gestapo-Mann“ und „Liquidation im Ghetto“, die es wagen, das Grauen des Holocaust figurativ darzustellen. Nahe gehen andere Bilder: Die Eindrücke der „Nagasaki Journey“ des japanischen Militärfotografen Yosuke Yamahata, der am Tag nach dem Bombenabwurf den unfassbaren Schmerz und qualvollen Tod der Menschen dokumentierte. Oder Iri und Toshi Marukis großformatiger Bilder-Zyklus über Hiroshima, der in Japan umstritten war, weil er der Grausamkeit nicht gerecht werden würde. In „Form ist bedeutsam“ steigert die Nähe von Antoni Tapies‘ grauschwarzem „Mäuseloch“ zu Eva Hesses Schlauch-Skulptur die Wirkung. Und manche Kunstwerke sind einfach eine Wucht, wie Jiří Kolářs Assemblage „Rasierklingengedicht“ oder Antonio Bernis „Pampa tromentosa“ unterm aufgetürmten Wellblechhimmel. Doch zwischendrin geht die Spannung verloren. Das Kapitel „Medien, Netzwerke, Kommunikation“ wirkt so lose zusammengefügt wie der Titel; „Form ist bedeutsam“ ausufert. Und dann ist da noch die von Pathos und Volkserziehungswille durchdrungene Propagandakunst aus der VR China und der Sowjetunion, die hier provozierend simpel unter dem Schlagwort „Realismen“ zusammengefasst und ergänzt wird durch West-Realisten wie Renato Guttuso („Boogie Woogie“) oder Andrew Wyeth („Young America“).

Ulrich Wilmes erklärt, „Postwar“ stelle mehr Fragen als Antworten zu geben – was kein Tort ist. Die Mammut-Schau nivelliert aber zwangsläufig Entstehungsbedingungen und stilistische Entwicklungen. Sie ist ein gewaltiger Wettbewerb um die Aufmerksamkeit des Publikums, für das Einzelwerk wird es im kuratorischen Gedankengebäude mintunter eng. Und der Overkill an Bildern wirkt wie ein Schutzschild, der jeden Beurteilungsversuch abprallen lässt.

       

Postwar. Kunst zwischen Pazifik und Atlantik 1945-1965.
Haus der Kunst
Prinzregentenstr. 1, München.
Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag 10.00 bis 20.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 22.00 Uhr.
Bis 26. März 2017.

 

 

 

 

 

 

 




Haus der Kunst