21/03/12

Quecksilbriger Widerschein

Bilder mit Referenz: Untilted von Willem de Rooij im Münchner Kunstverein.

von Dietrich Roeschmann

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Willem de Rooij, Taping Precognitive Tribe, 2012, Ausstellungsansicht Kunstverein München, © U. Gebert


Bilder mit Referenz: Untilted von Willem de Rooij im Münchner Kunstverein.

Spartanisch wäre das falsche Wort: Die Räume des Kunstvereins München wirken momentan zwar nahezu leer – doch unter den wenigen mit Stoff bespannten Keilrahmen, die hier in fast schon bestürzender Beiläufigkeit an den kahlen Wänden hängen, blitzen helles Silber und pures Gold. Willem de Rooij hat sie Faden für Faden in die Stoffe eingewoben – an einem Webstuhl aus dem 19. Jahrhundert, ganz die alte Schule.

Die Irritation ist perfekt: Wo man auf den ersten Blick meint, es mit einem besonders hermetischen Modell monochromer Malerei zu tun zu haben, lösen sich die großformatigen Textilbilder des Niederländers im Vorbeigehen aus ihrer Starre und beginnen, flirrende Farbräusche auf die Netzhaut zu zaubern. Die plötzliche Prachtentfaltung aus der Armut hat etwas Aschenputtelhaftes und setzt unweigerlich eine ganze Kette von Assoziationen in Gang. Mal glaubt man, in de Rooijs kostbar gewirkten Stoffen eine Hommage an das gute, alte Handwerk und die wahren Werte, die es produziert, zu erkennen, mal eine emphatische Begeisterung für die schiere Materialität. Dann wieder scheint durch seine Gewebe das Strahlen der Pop Art zu schimmern, als glamouröse Antithese zu der modernistischen Behauptung, dass weniger mehr sei, als pure Verführung oder quecksilbriger Widerschein einer kunsthistorischen Altlast.

Es ist diese Unschärfe, um die Willem de Rooijs Bilder eigentlich kreisen. Was ihn interessiert, ist die Referenz als konstituierendes Moment des Bildes. Ohne die, sagt er, gehe heute nichts mehr: Künstler spinnen ihre Arbeiten in ein dichtes Netz kultureller, künstlerischer oder historischer Bezüge ein, die jedes Werk mit dem geheimen Subtext ihrer eigensinnigen Interessen unterfüttern. Mehr als um das Sehen gehe es in der Kunst deshalb gegenwärtig um das Entziffern enigmatischer Bezugssysteme. Zusammen mit dem 2006 verstorbenen Künstler Jeroen de Rijke arbeitete Willem de Rooij schon Ende der Neunziger an der Radikalisierung dieser Referenzialität bis zur völligen Entleerung. Wie produktiv das sein kann, zeigte de Rooij erst kürzlich in der Neuen Nationalgalerie in Berlin. Statt eigenen Arbeiten präsentierte er hier eine Gegenüberstellung von Gemälden des niederländischen Vogelmalers Melchior de Hondecoeter mit hübsch gefiederten hawaianischen Kultobjekten aus dem 18. Jahrhundert. Es war ein Clash des Superspeziellen, der sich allein dem gemeinsamen Nenner der Feder verdankte, dabei aber zugleich zwei nahezu unerforschte Gebiete der Kunstwissenschaft auf den Plan brachte, deren Aufarbeitung Teil der Ausstellung wurde. Seine Münchner Schau mit dem anagrammatischen Titel „Untilted“ knüpft daran an: was sie zeigt, sind Vexierbilder zwischen reiner Abstraktion, heiß laufender Referenzialität und grenzenloser Assoziation.

Willem de Rooij: Untilted.
Kunstverein München
Galeriestr. 4, München.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 15. April 2012.
Kunstverein München