26/11/16

Melanie Dorfer

Die rastlose Organik der in Karlsruhe lebenden Malerin Melanie Dorfer dringt in die Sicherheit der vier Wände ein

von Manuel van der Veen
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Melanie Dorfer, Hypoderm, 2016, Ausstellungsansicht Frischzelle_23, Kunstmuseum Stuttgart 2016, Foto: Frank Kleinbach © Melanie Dorfer
Diese Malereien berühren, ohne Intellektualität vorauszusetzen. Sie sprechen etwas Ursprüngliches aus, spannen eine Haut auf und flimmern als ein lebendiger Teint. Es hat etwas Beunruhigendes, wenn Melanie Dorfer (*1986) Falten auf und mit der Wand schlägt.

Eine produktive Grenze zwischen Abstoßen und Vereinigen. Die Künstlerin eröffnet eine Kampfzone für das reaktive Material, für die glattgeschliffenen und rauen Flächen, sie kontrastiert organisch und an-organisch. Diese Hybrid-Genese wird hauptsächlich in drei Werkgruppen bearbeitet, während die kleinen deformierten Arbeiten die Flachheit von banalem Papier wegfalten und eine Tiefe ohne Füllung hineinknittern. Oder wie sich „mono“ in der Ecke aufbläht, wie hartes Metall glänzt und trotzdem Gefahr läuft, aufgestochen zu werden. Die großen Wandarbeiten wiederum, welche Melanie Dorfer in die (Lein)Wand hinein faltet, hängt und spannt, um Innereien der Wand und der Architektur nach außen treten zu lassen.

Sie schreibt sich mit diesen Wandmalereien mittels der Verwandtschaft von Leinwand und Wand, Spachtelmasse und Grundierung in eine Architektur ein, übernimmt ihre gegebenen Formate, zerrt an ihnen und stört die geometrische Sicherheit. Bei der Arbeit „Hypoderm“ (2016) hat sie die Tiefe des Bodens übernommen und schneidet mit Hilfe dieses Formates zwei Mal durch die ganze Wand, vom Boden bis zur Decke, um die Falten heraushängen zu lassen. Diese strömenden Züge berühren sich, fließen ineinander über und schlagen Wellen in die kahle, wenn auch monströse Wand. Melanie Dorfer faltet das innere Metall nach außen und konfrontiert den Betrachter mit einer Vielzahl von Perspektiven, zwischen nahtlosem Übergang, gewichtiger Farbe und wuchernder Leichtigkeit. „Hypoderm“ verdichtet die Wand, zieht sie zusammen und umarmt sie doch als Ganzes. Diese Arbeiten schreiben die Geschichte des Faltenwurfs einer Haut, sie erzeugen in der Abstoßreaktion von lebendiger Oberfläche und totem Grund eine beunruhigende Vereinigung, irgendwo zwischen Auguste Rodin und Claes Oldenburg.

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Melanie Dorfer, tunica, 2016, Foto: Benjamin Breitkopf
Melanie Dorfer studierte bis 2013 an der Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe an der Außenstelle Freiburg bei Rainer Splitt und Tatjana Doll, um dann ein weiteres Semester an der Kunstakademie Düsseldorf bei Eberhard Havekost zu lernen. Sie war beteiligt am Off-Space „Plan B“ in Freiburg und erst letztes Jahr waren ihre Arbeiten in der Garage des Freiburger Kunsthaus L6 zu sehen. Ihre Malereien auf Leinwand murmeln die Sprache einer Reaktion zweier, von unterschiedlicher Qualität aufgetragener Lacke. Sie formen eine haptische Oberfläche und wölben sich zwischen Quadrat und Kreis wie Adern aus der Leinwand. Diese Malereien ziehen eine Linie zwischen Sternenmeer, Straßenbelag, Dendriten, Flussdelta und Eiskristall. Mit pochendem Zentrum pumpen die Malereien einen Strom von porösen Partikeln über das Gewebe der Leinwand. Wie dieser Krater, welcher in „Antimon“ als eine wunderbare Vielzahl an Farben ausbricht oder in „Universum II“ als eine Eklipse aufscheint, die einen Aufriss birgt, zwischen Ader und Abgrund. Kampfspuren der Lacke. Melanie Dorfer interveniert mit ihren organischen Eingriffen parasitär in eine starre Stabilität – des Materials, der Architektur, der Institutionen und letztlich des Denkens.      

 

Frischzelle_23: Melanie Dorfer.
Kunstmuseum Stuttgart
Kleiner Schlossplatz 1, Stuttgart.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Freitag 10.00 bis 21.00 Uhr.
Bis 17. September 2017.

 

 




Kunstmuseum Stuttgart