25/11/16

Der Reiz des Vorläufigen

Phyllida Barlow wird den britischen Pavillon auf der Biennale von Venedig bespielen und stellt in der Kunsthalle Zürich aus

von Dietrich Roeschmann

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Installationsansicht Phyllida Barlow. GIG, Hauser & Wirth, Somerset, 2015, courtesy and Hauser & Wirth, Foto: Alex Delfanne
Schlendert man derzeit durch die Kunsthalle Zürich, hat man das Gefühl, dass es jetzt eigentlich besser wäre, die Tür zu schließen, damit die Installation, die Phyllida Barlow hier aufgebaut hat, nicht aus dem Raum quillt und vor lauter Übermut die Treppen herunterstürzt. Wie eine schwer erziehbare Schwester von Kurt Schwitters’ Merzbau wuchert das jüngste Projekt der 74-jährigen Britin durch das zweite Obergeschoss des Löwenbräu-Baus und lässt keinen Zweifel daran, dass hier jemand mit viel Gespür für den Reiz des Vorläufigen am Werk war. Doch keine Sorge: die Tür zur Kunsthalle darf vorerst offen bleiben, die Arbeit der Künstlerin, die 2017 an der Venedig-Biennale den Pavillon Großbritanniens bespielen wird, steht stabil. Mehr noch: Sie steht auf eine Weise stabil, die unweigerlich an die wenig freundliche Definition dreidimensionaler Kunst denken lässt, die wahlweise Charles Baudelaire, Barnett Newman oder Ad Reinhardt zugeschrieben wird. Skulptur, lautete deren Kernbotschaft, sei das, worüber man stolpert, wenn man zurücktritt, um ein Gemälde betrachten zu können. Barlows Installationen beziehen genau daraus ihr unvergleichliches Selbstbewusstsein. Sie stehen buchstäblich im Weg, sind uferlos, monu­mental, fragil und versponnen, und behaupten sich im Raum in einer Unfertigkeit, die im selben Moment zum Lachen provoziert und einschüchtert. In der Kunsthalle Zürich lässt die Bildhauerin ihre Installation „demo” auf einer Länge von gut dreißig Metern durch die Räume mäandern. Der Parcours fühlt sich an wie ein Waldspaziergang. Der schmale Pfad führt durch ein Dickicht aus Latten, Rohren und Balken, welche Barlow hier vertikal aneinander genagelt, gebunden oder zu wackligen Gestellen verschraubt hat, auf denen nun – gewissermaßen auf einer zweiten Ebene – unscharfe Materialansammlungen wie windschiefe Baumhäuser unter der Decke des Ausstellungsraums schwanken. Dazwischen versperren grobschlächtige Holz- und Schaumstoff-Objekte den Weg, teils sandwichartig aufeinander geleimt, teils in Hartschaum getaucht und wieder aufgebrochen, oft nachlässig bemalt in leuchtenden Farben.

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Installationsansicht Phyllida Barlow. Set, Fruitmarket Gallery, Edinburgh, Scotland, 2015, courtesy the artist, Fruitmarket Gallery and Hauer & Wirth, Foto: Ruth Clark
Phyllida Barlow trifft ihre Entscheidungen gerne schnell und intuitiv. Das sei ihr wichtig, sagt sie in der Begleitbroschüre im Interview, denn was sie interessiere, sei nicht die perfekt gemachte Skulptur, sondern die experimentelle Erkundung von Zuständen des Unvollendeten. Dass früher viele ihrer Arbeiten nach Ablauf der Ausstellungen statt in Sammlungen auf dem Müll landeten, gehörte lange zu den bösen Ironien dieser utopischen Kunst, die sich der Form bis heute auch deshalb so radikal verweigert, um uns zu suggerieren, dass es immer weiter geht.   

    

Phyilida Barlow
Kunsthalle Zürich
Limmatstr. 270, Zürich.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Sonnerstag 11.00 bis 20.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 19. Februar 2017.

 




Kunsthalle Zürich