Die Spuren des Nicht-Greifbaren

von Katrin Bauer
29/03/20

jungsmall.jpgFlorence Jung, ohne Titel, 2020, Courtesy the artist
Die Fake-News-Debatte hat die gegenwärtige Berichterstattung tiefgreifend gewandelt. So sehr, dass nun museale Institutionen – anstelle von Zeitungen – vermehrt als vertrauenswürdige Informationsquellen Anerkennung finden. Akut zeigt sich dieses Phänomen in der Ausstellung „Florence Jung“ im Helmhaus Zürich. Denn hier rufen Besucherinnen und Besucher eine ihnen unbekannte Telefonnummer an, ohne sich über die potentiellen Konsequenzen bewusst zu sein. Warum auch nicht? Das Helmhaus genießt den Ruf einer vertrauenswürdigen Kulturinstitution der Stadt Zürich. Jungs Einzelausstellung stößt hier das Thema der Zirkulation an, mit dem sich das Haus im Jahr 2020 beschäftigen wird. Kein Grund also zur Unruhe.

Nahtlos fügen sich neu erbaute Wände über zwei Stockwerke hinweg in die vorhandene Architektur des Helmhaus Zürich ein. Endloses Weiß, dazwischen vereinzelnd Türen. In jedem Raum eine Überwachungskamera. Wer überwacht hier wen?

Gleich zu Beginn erhalten die Besucherinnen und Besucher durch das Empfangspersonal ein kleines Buch, welches anleitend durch die Ausstellung führen soll. Um eine der verschlossenen Türen zu passieren, hat man einzeln auf einen schweigenden, in die Leere blickenden Mann zuzugehen. Ein Umkehren erlaubt die Wegführung nicht. Augen zu und durch.

Jungs Ausstellung investiert nicht in Material, sondern in das Menschsein. Während man den ersten Teil der Ausstellung nur alleine betreten kann, löst sich der Zustand der Vereinzelung in den darauffolgenden Raumsituationen immer mehr auf, sodass ein gemeinsames Erforschen der kafkaesken Umgebungen notwendig wird. Damit fordert die Ausstellung ein soziales Handeln im Kollektiv ein und lässt Verunsicherungen zwischen den Besucherinnen und Besuchern entstehen. Das Verschieben von Machtverhältnissen ist dabei zentrales Element in Jungs künstlerischer Praxis: „Ihre Arbeiten bringen Seiten von uns zum Vorschein, die wir nicht so mögen. Sie konfrontieren uns latent mit unseren Neugierden und Schwächen“, so Kurator Daniel Morgenthaler. „Im Laufe der Ausstellungsvorbereitungen stand das Kino als modellhaftes Vorbild für das Generieren fiktiver Narrative im Vordergrund. Dieses cineastische Erfahren lässt uns die Ausstellung wie einen gebauten Film erleben.“

Die Künstlerin inszeniert ausgefeilte Situationen, die sich auch später – nach dem Ausstellungsbesuch – im Alltag der Gäste in ihrer mentalen Komplexität festsetzen. Dass die Produktionskosten der ausstellungsbegleitenden Publikation durch den Verkauf von gesammelten Daten vorheriger Besucherinnen und Besuchern, beglichen werden, zeigt auf, wie sich die unsichtbaren Machtgefüge in Jungs Praxis unterschwellig ohne unser Wissen auswirken. Dieses Verschwimmen institutioneller Grenzen dezentralisiert  zum einem das Helmhaus Zürich als scheinbar legitimen Ort zur Erfahrung von Kunst und zum anderen sucht nach einer Auflösung der Autorinschaft. Es geht nicht darum, dass Florence Jung hinter ihren performativen Kunstwerken hervortritt und uns diese erklärt. Vielmehr liegt es an uns, den Raum mit Spekulationen auszufüllen.

Es gilt ein Auge offen zu halten, ob Florence Jung auch jenseits des Ausstellungsraumes präsent ist. Denn die Praxis der Künstlerin greift auch nach dem Ausstellungsbesuch parasitär in den Alltag des Publikums ein. Dies bestätigt sich am nächsten Morgen in den eigenen vier Wänden. Es ist Mittwoch, 6.30 Uhr. Das Handy vibriert. Eine neue SMS, Absender unbekannt. Was steht drin?

 

Florence Jung.
Helmhaus Zürich
Limmatquai 31, Zürich.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 10. April 2020.
Vorübergehend geschlossen

 





Florence Jung
Helmhaus